Der letzte Berufsfischer vom Wallersee

1. Mai 2015, 12:00
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Jeden Tag wirft der 86-jährige Christian Kapeller senior gemeinsam mit seinem Enkelsohn die Netze aus. Daran soll sich so schnell nichts ändern

Als Christian Kapeller senior als Zwölfjähriger zum ersten Mal allein und mit einer Holzzille zum Fischen auf den See hinausfuhr, war vieles noch anders am Wallersee im Salzburger Flachgau. Da zog sich noch ein breiter Schilfgürtel entlang des Seeufers, und es gab insgesamt sechs Berufsfischer, die sich den Fang aus dem See teilen mussten. "Der Schilfgürtel ging irgendwann ab den 1950er-Jahren stark zurück", erzählt der letzte Berufsfischer vom Wallersee, "als der Wasserpegel, der einst abgesenkt war, wieder angehoben wurde."

Die Fischer indessen legten aus Altersgründen nach und nach die Arbeit nieder, Nachfolger fanden sich keine. Nur Kappeller fischte weiter, übergab das Fischereirecht später an seinen Sohn Christian, der wiederum an seinen Sohn Christoph. Mit der Fischerei aufzuhören kommt für den inzwischen 86-Jährigen aber bis heute nicht infrage. Alle Tage wieder fährt er gemeinsam mit seinem Enkelsohn zeitig in der Früh hinaus auf den See, um seine Netze auszubringen. "Man kann es nicht einfach so lassen", sagt der Großvater, "hinauszufahren auf den See ist eine Leidenschaft, die einen ein Leben lang begleitet."

Fischzucht, Fischhandlung, Bootsverleih

Während Großvater und Enkel die Fische an Land ziehen, leitet Sohn Christian gemeinsam mit seiner Frau Anita den Betrieb, dem eine Fischzucht, eine Fischhandlung, ein Bootsverleih und eine Seeterrasse angeschlossen sind, auf der es sich wunderbar sitzen und geräucherte Fische essen lässt. "Die Seeterrasse war sozusagen mein Beitrag", erklärt der Enkel, "mein Vater fügte dem Fischereibetrieb die Fischhandlung und die Zucht hinzu, und ich erweiterte um den Gastronomiebetrieb."

Anders könne man als Berufsfischer wohl heutzutage eine Familie aus drei Generationen nicht mehr ernähren, fügt der Großvater an. Auch die Fischereitechnik war zu seinen Zeiten noch anders. "Damals fuhren wir nicht auf den See hinaus, sondern fischten hauptsächlich im Schilfgürtel in Ufernähe", erinnert er sich. Dort kamen die Fische zum Laichen hin, man schnitt eine Schneise ins Schilf und schlug mit den hölzernen Rudern aufs seichte Wasser, um Zander, Rheinanken, Karpfen und Forellen bis in die Netze zu treiben.

foto: heribert corn/corn.at

Druck auf die Fischpopulation

Statt anderer Berufsfischer gibt es heute an die 250 Sportfischer, mit denen man sich den Fischbestand des mit seinen sechseinhalb Quadratkilometern Fläche größten Sees des Salzburger Flachgaus teilen muss. "Der See ist groß genug für alle", sagt Christoph Kapeller, "aber manchmal kann es schon zu etwas Druck auf die Fischpopulationen kommen, weswegen wir auch einige Arten jedes Jahr nachbesetzen." Darunter Hecht, Zander, Karpfen und Rheinanke - allesamt beliebte Speisefische, die zu siebzig Prozent an die örtliche Gastronomie verkauft werden.

Zum Beispiel an das traditionelle Fischrestaurant Winkler auf der anderen Seite des Sees, wo man sich auf Gerichte aus lokalem Fisch spezialisiert hat. Oder auch ans Gourmetrestaurant Pfefferschiff in Hallwang und bis hin in die Stadt Salzburg ins gutbürgerliche Gasthaus Auerhahn. "Früher haben wir den Hauptteil unseres Fangs nicht direkt an die Restaurants, sondern an den Fischhändler Krieg in der Salzburger Altstadt verkauft", erzählt Christian senior.

Damals war auch der Geschmack der Konsumenten noch ein anderer. So war etwa die Nachfrage nach Hecht noch viel größer. "Inzwischen ist der Hecht nicht mehr so beliebt, wahrscheinlich deswegen, weil er recht viele Gräten hat und überhaupt schwerer zuzubereiten ist", vermutet Kapeller.

Hochwertige Weißfische

Noch schwerer zu verkaufen seien heutzutage aber die sogenannten Weißfische wie etwa die Brachse oder das Rotauge, die wolle kaum mehr jemand. Dabei seien es durchaus hochwertige Fische, mit delikatem Fleisch und gutem Geschmack - aber eben auch mit recht vielen Gräten. Die sollten bei richtiger Zubereitung zwar kein Problem darstellen, aber auch hier ist das Wissen darum weitgehend verlorengegangen.

"Vor 50 Jahren haben solche Dinge überhaupt keine Rolle gespielt, da konnte man alle Fische gleich gut verkaufen", erinnert sich Kapeller. Inzwischen sind der Zander und die Rheinanke die großen Renner im Angebot der Fischerfamilie. "Die Rheinanken wurden erst in den 90ern eingesetzt, wenn ich mich richtig erinnere", erzählt der Fischer, "Versuche dazu hat es zwar schon in den 30ern gegeben, aber damals wurde aus irgendeinem Grund nichts daraus."

foto: heribert corn/corn.at

Obwohl er schwer verkäuflich ist, wird der Hecht als hervorragender Speisefisch dennoch bei den Kapellers in Ehren gehalten. Enkelsohn Christoph zeigt ein Becken, in dem ein gewaltiges Exemplar von gut zehn Kilogramm Gewicht schwimmt. "Es ist ein Weibchen, das uns vor zwei Tagen ins Netz gegangen ist, wir hoffen, dass es trächtig ist, können uns aber nicht ganz sicher sein", erzählt der Junior. Sollte das Hechtweibchen tatsächlich Eier tragen, werden ihm diese abgestreift.

Das Muttertier geht zurück in den See, die Eier werden an Land befruchtet, die geschlüpften Junghechte in der Folge ausschließlich mit Plankton gefüttert, das ebenfalls und mit Spezialnetzen aus dem See gefischt wird. Bis sie nach zirka zwei bis drei Wochen selbst wieder freigelassen werden.

Selber machen kommt günstiger

"Es ist eine Arbeit, aber auf diese Weise ist die Anzahl der überlebenden Tiere größer, als wenn man sie einfach im See schlüpfen ließe", erklärt Christoph. Trotz der mühseligen Arbeit rechne sich der Vorgang, fügt Kapeller senior an. "Früher sind Experten von der Fischzuchtanstalt Kreuzstein am Mondsee gekommen, um das zu erledigen. Sie haben die Eier mitgenommen, sie in der Anlage befruchtet, und wir mussten sie dann zurückkaufen. Seit wir das selbst machen, fahren wir günstiger."

Seit vor wenigen Wochen die Saison begonnen hat, bringt Christoph Kapeller wieder allabendlich seine Netze aus, um sie dann am nächsten Tag gegen halb sechs Uhr früh einzuholen. Und auch in diesem Jahr wird der Großvater dabei sein. "Es nutzt nix: Jedes Jahr, wenn 's Frühjahr kommt, muss ich hinaus auf den See", sagt er, "und solange der Christoph mich mitnimmt, werde ich auch fahren."

(Georges Desrues, Rondo Spezial , 1.5.2015)

Seenland

Mit seiner sechs Quadratkilometer großen Wasserfläche ist der Wallersee der größte See des Salzburger Seenlandes. Der Name rührt nicht von den im See vorhandenen Wallern her, sondern von dem mittelhochdeutschen Walchen, was Fremde bedeutet. Die Schilfgürtel entlang des Sees stehen unter Naturschutz, ein Teil davon entfällt auf das Naturschutzgebiet Wenger Moor. Zum Salzburger Seenland gehören neben dem Wallersee der Obertrumer See, der Mattsee und der Grabensee. Die Seeterrasse der Familie Kapeller ist ab Mai geöffnet (Seestraße 3, Seekirchen am Wallersee).

www.salzburger-seenland.at

www.bootsverleih.at

  • 250 Sportfischer gibt es am Wallersee, Berufsfischer aber nur mehr einen: Christian Kapeller senior, hier mit Enkel Christoph.
    foto: heribert corn/corn.at

    250 Sportfischer gibt es am Wallersee, Berufsfischer aber nur mehr einen: Christian Kapeller senior, hier mit Enkel Christoph.

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