Sabine Pollak: "Es gibt keine männliche oder weibliche Architektur"

Interview30. April 2015, 05:30
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Sabine Pollak ist Architektin und unterrichtet Architekturtheorie, Urbanistik und Genderforschung. Ein Gespräch über Geschmacksfragen, männliche Möbel und die Frage, wie von Frauen geplante Städte aussehen würden

STANDARD: Was halten Sie von getrennten Schlafzimmern?

Sabine Pollak: Gar nichts. Frühestens ab einem Alter von 80 würd' ich sagen. Getrennte Schlafzimmer setze ich mit Ehekrieg und Krise gleich. Man sollte alle Tricks aufwenden, um dies zu vermeiden. Dabei ist mir natürlich klar, dass eine Beziehung mit den Jahren nicht einfacher wird. Wenn eine Wohnung klein und eng ist, macht es das auch nicht leichter. Und klein sind die meisten Wohnungen.

STANDARD: Wohnen Männer anders als Frauen?

Pollak: Ich denke schon, wobei ich niemals sagen würde, dass das genetische Ursachen hat. Nach meiner langjährigen Erfahrung im Bereich Wohnbau, kann ich sagen, dass Frauen offener sind, wenn es um Grundrissgestaltung und ungewöhnliche Wohnkonzepte geht. Frauen denken außerdem viel früher daran, was sein wird, wenn sie älter werden. Das schlägt sich zum Beispiel in der Gestaltung des Badezimmers nieder. Männer glauben eher, dass sie schon irgendwie versorgt sein werden. Klischeehaft betrachtet, ist das ja auch so.

STANDARD: Wie wirken sich Geschmacksfragen auf eine Beziehung aus?

Pollak: Die Frage ist aus der Architektenperspektive schwer zu beantworten, denn unsereins ist die Umgebung natürlich extrem wichtig. Ein Möbelstück, das fehl am Platz ist, würde mich unendlich stören. Generell betrachtet, werden sich schon die Richtigen zusammenfinden. Wenn man durch so klassische Einfamilienhausgegenden fährt, hat man das Gefühl, dass die Menschen mit ihren Häusern ganz zufrieden sind. Es gibt Häuser, die sehen wie Barbiepuppen aus. Zu so einer Optik gehören allerdings schon zwei dazu.

STANDARD: Warum spielen sich dann in Möbelhäusern mitunter Dramen zwischen Pärchen ab?

Pollak: Klar kann es diesbezüglich Wickel geben. Aber unterm Strich geht es wohl eher um Fragen nach Ordnung und Nichtordnung bzw. um die Definition eines geregelten Haushalts. Dass eine Beziehung am falschen Sofa zerbricht, bezweifle ich.

STANDARD: Eher an der offenen Zahnpastatube?

Pollak: Genau.

STANDARD: Kann man guten Geschmack erlernen?

Pollak: Auf jeden Fall. Zum Tragen kommt, wie wir aufgewachsen sind, was uns unsere Eltern vermittelt haben, wie die Schule ausgesehen hat etc. Ich glaube nicht, dass man mit einem bestimmten Geschmack auf die Welt kommt.

STANDARD: Was ist denn guter Geschmack?

Pollak: Wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Klischeevorstellung. Ich bin, was diese Frage betrifft, mit der Zeit sehr offen geworden und glaube nicht, dass es die eine gültige Antwort gibt.

STANDARD: Es heißt, über Geschmack könne man nicht streiten. Dafür streiten die Menschen aber ganz schön oft darüber, was schön oder eben nicht schön ist.

Pollak: Seitens der Architektur ist man diesbezüglich sanfter geworden und verdammt Dinge, die früher als grauenvoll galten, nicht mehr so sehr. Es gibt Wohnungen, die furchtbar eingerichtet sind, das Gesamtambiente ist dann allerdings doch ein stimmiges. Ich denke, bei Geschmack geht es um eine gewisse Kunstfertigkeit in der Zusammenstellung von Einrichtung, Kleidung, Kunst etc.

STANDARD: Was halten Sie vom Klischee, dass der Mann das Stahlrohrmöbel mit schwarzem Lederbezug kauft, die Frau lieber das Sofa mit Blumenmotiven zu Hause hätte?

Pollak: In bestimmten Kreisen gehen solche Entscheidungen bestimmt immer noch sehr klischeehaft über die Bühne. Aber prinzipiell ist diese Sichtweise überholt. Ich glaube, dass Frauen durchaus Objekte kaufen, die man klischeehaft einem Mann zuordnen würde. Einrichtungsfragen haben heutzutage eher mit Moden des Lifestyles zu tun. Im Moment sind die 70er "in". Das wissen Männer genauso wie Frauen.

STANDARD: Sie arbeiten gemeinsam mit ihrem Lebenspartner, dem Architekten Roland Köb. Wie wird bei Ihrer Zusammenarbeit das Männliche und das Weibliche spürbar?

Pollak: Das verhält sich eigentlich sehr klassisch. Roland kümmert sich um die Konstruktion, ich mich um viele andere Dinge. Sein Ding ist der Hochbau und die Detaillierung. Ich hab mehr Erfahrung in Sachen Wohnbau und Konzepte für Wettbewerbe. Auch die Diskussion mit künftigen Bewohnern ist eher mein Part. Das ergibt sich oft so im Falle von Architekturbüros dieser Art und ist auch historisch gewachsen. Frauen haben sich in unserer Branche lange um die Inneneinrichtung gekümmert, Männer um das wirkliche Bauen.

STANDARD: Gibt's in Ihrer eigenen Wohnung Konflikte in Sachen Einrichtung?

Pollak: Wir gehen demokratisch vor. Ich würde es nicht akzeptieren, wenn er ein Möbel kaufen würde, ohne mit mir darüber gesprochen zu haben. Ich kann schon bei kleinen Teilen die Krise kriegen. Es kommt auch vor, dass Roland in Sachen Einrichtung Konstellationen vorschlägt, die ich am Anfang nicht gut finde, dann aber doch einsehe, dass er recht hat. Er hat in diesen Dingen einfach mehr Erfahrung. Wir haben jetzt übrigens ein klassisches Herrenzimmer, wie es mein Partner nennt. Ich sag Musikzimmer dazu. Dort steht die große Stereoanlage. Typisch. Das Zimmer ist schon irgendwie das männliche Reich.

STANDARD: Architektur war über Jahrhunderte eine Männerdomäne. Wie würden unsere Häuser und Städte heute aussehen, wenn Frauen diesen Part innegehabt hätten?

Pollak: Ich glaube, so kann man die Frage nicht stellen, denn im Falle dieses Szenarios wären die Frauen wohl auch in anderen Bereichen tonangebend gewesen: in der Wirtschaft, der Politik, der Wissenschaft usw. Ob es unbedingt besser gelaufen wäre, trau ich mich nicht zu sagen. Rein auf die Architektur bezogen, glaube ich nicht, dass die Welt viel anders ausschauen würde. Vielleicht wären andere soziale Räume, Kindergärten oder Schultypen gebaut worden. Inzwischen gibt es viele Architektinnen, aber die Architektur sieht nicht zwingend anders aus.

STANDARD: Wie sieht es mit Objektgestaltung aus?

Pollak: Auf diesem Gebiet verhält es sich anders, weil Frauen im Design schon viel länger tätig sind, auch wenn sie zum Teil unter Pseudonymen arbeiten mussten. Hier hat sich die Szene besser vermischt.

STANDARD: Gibt es männliche und weibliche Möbel?

Pollak: Sagen wir, es gibt viele symbolische Verkörperungen der Geschlechter, zum Beispiel das Lippensofa von Salvador Dalí, Möbel, die mit dem Bild eines Phallus, einer Vagina oder anderer Körperteile spielen. Ich finde das auch sehr okay, wenn es gut gemacht ist. Ich wehre mich dagegen, zu sagen, es gibt eine männliche und eine weibliche Architektur. Das gilt auch für Möbel. Ein Stil hängt eher davon ab, wie man erzogen wurde, welche gesellschaftliche Vorstellung man davon hat, wie eine Frau oder ein Mann sitzen soll. Noch einmal, das hat nichts mit den Genen zu tun.

STANDARD: Noch eine Frage zum Thema Klischee. Wie sieht es denn mit Heimtextilien aus, also Bettwäsche, Tischdecken und dergleichen? Dieser Bereich ist den Männern eher egal als Frauen, oder?

Pollak: Finde ich nicht. Ich glaube, dass sich Männer mittlerweile mehr dafür interessieren und es ihnen auch nicht egal ist, welches Muster ihre Bettwäsche hat. Darauf hat auch die Industrie mit bestimmten Designs reagiert.

STANDARD: Gehen wir in die Küche. Wie sieht es dort aus?

Pollak: Nehmen Sie Bulthaup her. Das Werbesujet, auf dem ein Mann vor einer mobilen Nirosta-Arbeitsfläche steht, funktioniert doch bestens. Auch dort werden Klischees bedient. Der Mann ist mobil und braucht eine Arbeitsfläche, die an eine Werkbank erinnert. Damit kann man Küchen verkaufen. Natürlich muss man auch zwischen ländlichen und urbanen Räumen unterscheiden. In Vorarlberg ist mittags die Rheintalautobahn voll, weil die Männer zum Mittagessen nach Hause fahren. Gekocht wird von der Frau. Die muss heutzutage allerdings auch von der Arbeit nach Hause.

STANDARD: Was sind denn die größten Fehler, die Menschen beim Einrichten begehen?

Pollak: Ich rate von fixen Einbauten ab, von Dingen, die man nicht mehr verändern kann. Klar gibt es gute Wandschranklösungen, aber sie sollten einen nicht erdrücken. Einrichtung sollte leicht und veränderbar sein. Man verändert sich selbst ja auch. (Michael Hausenblas, DER STANDARD, Open Haus, 29.4.2015)

Sabine Pollak ist Professorin für Architektur und Urbanistik an der Kunstuniversität Linz und leitet gemeinsam mit Roland Köb das Architekturbüro Koeb & Pollak Architekten in Wien. Sie arbeitet in den Bereichen Urbanistik, Wohnbau, Architekturtheorie und Genderforschung und publizierte dazu mehrere Bücher.

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koebpollak.com

  • Sabine Pollack in einem LC-2-Fauteuil. Guten Geschmack, ist sie überzeugt, kann man lernen. Eine Definition dafür zu finden ist allerdings auch für die Architektin schwierig.
    foto: christian benesch

    Sabine Pollack in einem LC-2-Fauteuil. Guten Geschmack, ist sie überzeugt, kann man lernen. Eine Definition dafür zu finden ist allerdings auch für die Architektin schwierig.

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