Am Esstisch herrscht Handyverbot

29. April 2015, 08:40
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Der Zukunftsforscher und seine Frau Oona Horx-Strathern wohnen am Rand von Wien - in einem Case-Study-House

Der Zukunftsforscher Matthias Horx und seine Frau Oona Horx-Strathern wohnen am Stadtrand von Wien - in einem Case-Study-House. Die Zukunft, sagen beide, hat weniger mit Technologie zu tun als vielmehr mit der Balance zwischen Geschichte und Zukunft. Wojciech Czaja hat sie besucht.

"Wir wohnen hier in gewisser Weise mit der und mitten in der Natur. Wir haben keine Fenster, sondern einfach nur verglaste Wände mit Blick in den Garten, und gerade jetzt, im Frühling, ist der Reiz enorm groß, endlich die Schiebetüren zur Seite zu schieben und die frische Luft hineinzulassen, doch dafür ist es ehrlich gesagt noch ein bisschen zu kühl. Das kommt dann in ein paar Wochen. Dann wird das Haus zur Badekabine. Und mit dem Aufreißen der Fenster kommen die Moskitos. Wir haben uns arrangiert mit den Quälgeistern. Wir kämpfen und tun so, als lebten wir in Symbiose.

foto: lisi specht
"Wir wohnen hier in unserem eigenen Wohnexperiment. Alles, was wir erforschen, probieren wir auch am eigenen Leibe aus." (Bildansicht durch Klick vergrößern)

Der schönste Moment am Tag ist das Aufwachen in der Früh. Es ist, als würde man auf einem Camping-Platz in einem Zelt übernachten, und in dem Augenblick, in dem man aufwacht, wird das Zelt weggerissen, und man liegt mitten in der Sonne. Alles ganz wunderbar. Bloß auf die Glasscheiben dürfen Sie nicht zu genau schauen. Da sieht man überall Schlieren. So viel kann man gar nicht putzen, dass die riesigen Glasflächen sauber und zu 100 Prozent transparent erscheinen.

Man könnte sagen: Wir wohnen hier in unserem eigenen Wohnexperiment. Denn alles, was wir erforschen, probieren wir hier auch am eigenen Leibe aus. So gesehen ist unser Haus, das sogenannte "Future Evolution House", eine Art Case-Study. Wir versuchen Leben und Wohnen als einen Evolutionsprozess zu sehen. Wir waren vor Jahren die Ersten, die sich mit Philippe Starck eingerichtet haben, und die Ersten, die ihre Philippe-Starck-Möbel auch wieder weggeschmissen haben, weil es sich dabei überwiegend um Quatsch gehandelt hat. Und jetzt sind wir unter den Ersten, die in einem Smart Grid wohnen, mit einem Elektroauto in der Garage und dem Versuch, das Haus zum Plusenergiehaus weiterzuentwickeln, also mehr Energie zu erzeugen als zu verbrauchen.

Das, was wir hier machen, könnte man am ehesten mit dem Begriff "Autobiografisches Wohnen" umreißen. Wohnen ist nie etwas Lineares, und Zukunft ist nie nur etwas Futuristisches. Egal, wie man es dreht und wendet, der Mensch braucht beim Wohnen Anker und Flügel. Anker, die ihn mit Tradition und Geschichte auf dem Boden halten, also alte Möbel, Erbstücke und Mobiliar mit Geschichte. Und Flügel so wie Träume, so wie ein Hineindenken in die Zukunft, in die Möglichkeiten des Übermorgen. Und so spielen wir mit Erinnerungen und Zukunft. Diese Mischung ist das, was uns reizt.

Zukunft, ganz bodenständig O In Wirklichkeit wohnen wir hier zutiefst bodenständig. Wir haben nicht einmal eine Klimaanlage im Haus, denn wenn es heiß ist, dann ist es halt heiß. Warum sollte man diese wunderschöne Nebenerscheinung des Sommers eliminieren? Wenn einem heiß ist, dann kann man in den Garten rausgehen oder mitten in der Nacht in den Pool springen und sich abkühlen. Und am Esstisch, um nur ein Beispiel zu nennen, herrscht bei uns striktes Handyverbot.

Wir wollten immer ein Plusenergiehaus haben, aber das ist uns nicht gelungen, und zwar aus mehreren Gründen. Einerseits war die Technologie, als wir das Haus gebaut haben, noch nicht so weit und auch viel zu teuer. Andererseits, und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, haben wir nach Beendigung der Baustelle vergessen, die Fotovoltaikmodule an der Fassade ans System anzuschließen! Die größte Intelligenz scheitert manchmal an der Dummheit des Menschen. Ist das nicht bezeichnend? So gesehen, hat das Haus derzeit Niedrigenergiestandard.

Die gesamte Haustechnik ist allerdings so konzipiert, dass man sie jederzeit nachrüsten kann. Und genau das ist unser Plan. Wir fahren einen BMW i3, den wir mit selbst produziertem Strom speisen, also völlig CO2-frei. Wir testen, wie wir Energie nutzen und wie Elektroautos die Art und Weise verändern, wie wir uns bewegen. In der nächsten Stufe werden wir versuchen, die Batterien des E-Fahrzeugs als Back-up-Batterie für das Haus zu nutzen. Eine solche Debatte über die Vernetzung der Systeme, über die Konfrontation von Technologie und sozialen Aspekten, die auch die Stadtentwicklung betreffen, vermissen wir.

Das heutige Bauen ist eigentlich, wenn man ehrlich ist, zutiefst primitiv. Man arbeitet mit Staub und Matsch und Gatsch, und das Bauen dauert Monate und Jahre. Unser Wunsch für die Zukunft wäre, ein Cradle-to-Cradle-Haus zu bauen, also ein Gebäude, das ausschließlich mit Materialien errichtet ist, die man später einmal sortieren und in einen Recyclingprozess hineinführen kann." (DER STANDARD, Open Haus, 29.4.2015)

Matthias Horx, geboren 1955 in Düsseldorf, studierte Soziologie in Frankfurt am Main. Er arbeitete als Comiczeichner, Autor und Redakteur bei diversen Verlagen, u. a. bei "Merian" und "Die Zeit". 1998 gründete er das Zukunftsinstitut mit Hauptsitz in Kelkheim und Filialen in London und Wien. Insgesamt hat er heute 35 Mitarbeiter. Seit 1999 lebt er in Wien. Seine Frau Oona Horx-Strathern, geboren 1963 in Dublin, ist Journalistin, Autorin und Zukunftsberaterin. Gemeinsam wohnen sie seit 2010 am Stadtrand von Wien im sogenannten "Future Evolution House". Soeben ist ihr Buch "Wir bauen ein Zukunftshaus. Ein Familiendrama in drei Akten" auf Englisch erschienen: "From Bauhaus to the Future".

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zukunftshaus.at

  • Matthias Horx mit seinen diversen "Ankern" und "Flügerln" in der Garage.
    foto: lisi specht

    Matthias Horx mit seinen diversen "Ankern" und "Flügerln" in der Garage.

  • "Wir versuchen, Wohnen als einen Evolutionsprozess zu sehen."
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    "Wir versuchen, Wohnen als einen Evolutionsprozess zu sehen."

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