Mit Improvisationskraft nach Harvard

Blog30. April 2015, 11:26
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Zwischen Harvard und Krems pendelt Gerald Steiner, der seit Jahresbeginn an der Donauuniversität Professor für Organisationskommunikation und Innovation ist

Einen transatlantischen akademischen Brückenschlag versucht Gerald Steiner, der seit Jänner die Leitung des Departments für Wissens- und Kommunikationsmanagement an der Donauuniversität Krems innehat. 2011 bis 2012 war er Schumpeter-Professor in Harvard und ist seither Visiting Scholar am Weatherhead Center for International Affairs. Gleichzeitig in den USA und in Österreich zu arbeiten gelingt ihm gut – wenn nicht gerade ein Schneesturm Boston lahmlegt und das Pendeln zwischen den Forschungsstandorten verunmöglicht.

Ungefähr im Zweimonatsrhythmus fliegt er hin und her, dazwischen ermöglichen es Videokonferenzen, die Forschungsfelder zu vernetzen. Das ist insofern konsequent, als Steiners Forschungsschwerpunkt auf Kommunikation und Wissensintegration im Hinblick auf Innovationssysteme und -prozesse liegt. Warum also sollte er sich auf einen Standort beschränken?

Getrieben von Neugier

Die Neugier war es, die den 1967 in Obdach in der Steiermark Geborenen immer angetrieben hat. Schon als Kind liebte er es, Dinge auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen. "Ich habe mir ein eigenes Gokart gebaut, weil das, das auf dem Markt war, nicht genau das war, was ich wollte", erklärt er. Die HTL für Maschinenbau war der logische nächste Schritt. "Ich finde zum Beispiel, die HTL in Österreich ist ein hervorragendes Schulsystem, das mich sehr gut auf das Studium vorbereitet hat", sagt er. "Wo es hakt, sind eher die Übergänge von einem Ausbildungssystem zum anderen. Diesem Brückenschlag sollte mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden."

"System" ist ein Wort, das Steiner oft verwendet, wenn er von seiner Laufbahn erzählt. Wenig überraschend, ist er doch einer der Mitbegründer des Instituts für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung an der Karl-Franzens-Universität Graz, wo er selbst in Verbindung mit Studienaufenthalten an der UC Berkeley, der University of California und der University of Oklahoma in Norman ein wirtschaftlich-technisches Studium absolvierte.

Mentorenprogramme ausbauen

"Sehr wichtig ist ein gutes Mentorenprogramm, das ein solides Training in den Methoden garantiert. Das ist in den USA sicher noch stärker ausgeprägt als bei uns, wird aber auch in Österreich besser", sagt Steiner. "Ich hatte das Glück, von meinen Doktorvätern in Graz und an der ETH Zürich sehr gefördert zu werden. Das grenzte zum Teil schon an Überforderung, hat aber viel gebracht." Es gehe immer wieder darum: Was traut man sich zu? Die Fähigkeit einzuschätzen, wie man im Vergleich zu Absolventen anderer Institutionen dastehe, habe ihm am Beginn seiner Karriere gefehlt. "Mangelndes Selbstbewusstsein" sieht er als typisch österreichisches Phänomen.

Dass er neben seiner Ausbildung immer bestrebt war zu arbeiten, begreift er als Vorteil. "Und zwar nicht als Ferialjob in einer wohltätigen Organisation, wie es in den USA zum guten Ton gehört, wenn schon der Urgroßvater und der Großvater in Harvard waren", sagt er. Steiner zum Beispiel war Skilehrer und parallel zum Studium im Stahl- und Maschinenbau, etwa im Tunnelbau, tätig. "Das hat mir in puncto improvisieren können und Innovation sehr viel gebracht. Wir haben in Österreich hervorragende Improvisationskraft im Facharbeiterbereich und sind uns dessen gar nicht bewusst."

Innovationsprozesse unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten sind bis heute sein Forschungsschwerpunkt. Den Standort Krems sieht er über die österreichischen Grenzen hinaus als Teil des "Donauraums", strategische Partner in den USA ebenso wie in Asien und Afrika. "Globalisierung ist nicht nur ein wirtschaftliches Phänomen", sagt er, "sie ermöglicht uns einen sehr hohen Freiheitsgrad in unseren beruflichen und privaten Prozessen. In Zukunft wird es zunehmend nicht mehr heißen: dort oder da." Sein Ideal: zum Beispiel Studierende in Österreich und den USA in einem gemeinsamen Onlineseminar zum Thema Transdisciplinary Negotiation und transnationale Sicherheit zu vernetzen. (Tanja Paar, derStandard.at, 30.4.2015)

  • Gerald Steiner pendelt zwischen Krems und Cambridge (Massachusetts).
    foto: privat

    Gerald Steiner pendelt zwischen Krems und Cambridge (Massachusetts).

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