Grundlagenforschung: Zu wenig Geld und bald ein Top-Forscher weniger

21. April 2015, 18:59
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Stagnierende Budgets für den Wissenschaftsfonds FWF könnten zu einer Krise der Grundlagenforschung führen - Josef Penninger verhandelt über Abgang nach Deutschland

Wien - Der vergangene Dienstag hätte ja eigentlich ein Tag zum Feiern werden können: Die Statistik Austria präsentierte Schätzungen wonach die Ausgaben für Forschung & Entwicklung (F&E) 2015 erstmals über 3 Prozent des derzeit schwach wachsenden Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegen dürften, Sogleich schickten die für F&E zuständigen Ministerien entsprechend freudig formulierte Meldungen aus: Das Infrastruturministerium sprach von einer "Schallmauer" und vom Erreichen eines "Zwischenziels". Das Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium sprach von einem "Rekordkurs" angesichts von erstmals mehr als zehn Milliarden Euro, die heuer in F&E in Österreich fließen.

Allein Vertreter der Grundlagenforschung jubeln nicht: "Wir brauchen mehr Geld, um international Spitze zu werden", meinte Pascale Ehrenfreund, Präsidentin des Wissenschaftsfonds FWF anlässlich der Bilanzpressekonferenz der Förderagentur. Zwar konnte mit 211,4 Mio Euro bzw. 691 bewilligten Projekten im vergangenen Jahr das Bewilligungsvolumen des FWF leicht ausgebaut werden. Tatsächlich hat der wichtigste Förderer von Grundlagenforschung in Österreich aber keinen Spielraum nach oben. Das vom Wissenschaftsministerium für 2016 bis 2018 zugesagte Budget liegt bei 184 Millionen Euro jährlich. Das Budget ist damit etwa so hoch wie in den Jahren davor. Da aber die Zahl der Anträge genauso steigt (um 1,7 Prozent auf 795,5 Mio. Euro) wie ihre Qualität, ist die Freude über die Stabilität des Budgets endenwollend. Derzeit können nur noch 21 Prozent der beantragten Budgets genehmigt werden. Allein 2013 haben 80 Millionen Euro gefehlt, um alle qualitativ hochwertigen Einreichungen zu finanzieren.

Da die Forschungsprojekte auch teurer werden, droht ein Absturz auf unter 15 Prozent, was eine erhebliche Qualitätskrise in der Grundlagenforschung zu Folge haben würde, wie FWF-Geschäftsführerin Dorothea Sturn betont. Sie sprach von einer "schwierigen Perspektive" für den FWF. In diesem prognostizierten Fall müsste man sich grundsätzliche Änderungen überlegen, dann würde das Streichen eines Programms alleine nicht mehr helfen, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Als eine erste Konsequenz stellt der FWF das Programm zur Förderung von Doktoratskollegs (DK) ein. Insgesamt 42 solcher Kollegs zur Ausbildung von 1.121 Doktoranden wurden seit 2003 genehmigt, 38 laufen derzeit noch. Eine jüngst abgeschlossene Evaluierung habe dem Programm ein gutes Zeugnis ausgestellt, heißt es.

Der mit 1,5 Millionen Euro hoch dotierte Wittgenstein-Preis werde derzeit genauso begutachtet wie das Start-Programm zur Förderung exzellenter junger Wissenschafter und Wissenschafterinnen. Im FWF wies man auf das hohe Ansehen des Preises hin und dass dieser nur einen Bruchteil des Gesamtbudgets ausmache. "Aber nichts ist bei zukünftigen Überlegungen tabu."

Neues Gesetz

Ebenfalls am Dienstag wurde ein Eintwurf für eine Novelle zum Forschungs- und Technologieförderungsgesetz (FTFG) eingebracht, womit es auch strukturelle Änderungen im FWF geben könnte. Das Präsidium sollte demnach in Zukunft vom Aufsichtsrat gewählt werden, nicht mehr wie bisher von einer durch Unis und Forschungseinrichtungen besetzten Delegiertenversammlung.

Der FWF würde dem Vernehmen nach auch von der bisherigen Ehrenamtlichkeit im Präsidium weggehen und eine Art Vorstand einsetzen mit vier angestellten Mitgliedern: einem Präsidenten und drei Vizepräsidenten, wobei zwei für die Wissenschaft und einer für die Geschäftsgebarung des FWF zuständig wären,.

Penninger möglicherweise vor Absprung

Ein Argument wird im Zusammenhang mit der Krise der Grundlagenforschungsfinanzierung stets genannt - Top-Wissenschafter könnten das Land verlassen. Ein möglicher Abgang ist derzeit innerhalb der wissenschaftlichen Community im Gespräch: Josef Penninger, Direktor des renommierten Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), wird im Berliner Tagesspiegel bereits als neuer Direktor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch gehandelt.

"Ich habe noch nichts unterschrieben, berichtigt Penninger auf Anfrage des STANDARD: Ich rede mit den Deutschen und muss mich bald entscheiden." Wovon ein Bleiben oder Weggehen abhängt? "Ich will in der Champions League der Wissenschaft mitspielen, egal ob das in Wien oder Berlin ist." In Österreich höre er viel zu oft Lippenbekenntnisse, die dann nicht in die Tat umgesetzt werden.

Das IMBA hat derzeit ein fixes Budget von 30 Millionen Euro, wobei 15 fix vom Gesamtbudget der ÖAW kommen. In einer Aussendung der Akademie vom Mittwoch heißt es: "Die ÖAW ... freut sich über das hiermit gezeigte, hohe Interesse an ihrem Wissenschafter in Anerkennung seiner am IMBA erbrachten Forschungsleistungen. Die Akademie will den renommierten Forscher in Wien halten und hat daher bereits Gespräche mit Penninger aufgenommen. Wie international üblich, werden die Abwehrverhandlungen sofort konkretisiert, sobald Herr Penninger das offizielle Angebot aus Berlin vorgelegt hat."(Peter Illetschko, DER STANDARD, 22.4.2015)

  • Josef Penninger könnte Direktor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch werden. Verhandlungen hat er bestätigt.
    foto: apa/georg hochmuth

    Josef Penninger könnte Direktor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch werden. Verhandlungen hat er bestätigt.

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