Künstler als Bodenbereiter für den Führerkult

21. April 2015, 17:53
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Unter dem Titel "Künstler und Propheten" deutet die Kunsthalle Schirn mit 400 Werken die oft geheimnisvolle Geschichte der Moderne von 1872 bis 1972. Und setzt erstaunliche Akzente

Ist die Zeit wieder reif für Irrationalismus? Für Varianten des Wahns? Für falsche Propheten, selbsternannte Seher, Apostel des Aussteigertums und Gurus des Ich-Kults? Für jene, welche die "Lügenpresse" attackieren, den "Sumpf" der Moderne anklagen, über Sittenverfall, Konsumtrottel und eine orientierungslose Gegenwart lamentieren und in Dresden und anderswo passiv-aggressiv demonstrieren gehen? Vielleicht braucht es deshalb alle zwanzig, dreißig Jahre eine Ausstellung, die den Irrationalismus in der Kunst abhandelt.

Der Historiker Ulrich Linse hat 1983 die Barfüßigen Propheten porträtiert: Erlöser der zwanziger Jahre, die nun auch in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main auftauchen. "Führer" gab es damals nämlich nicht nur den einen, der bald apokalyptische Zustände herbeiführte, sondern viele. Christian Haeusser etwa, der als "geistiger Monarch" und Redner mehr Hallen füllte als der Mann aus Braunau. Als Haeusser, ein Champagnerhändler mit Erweckungsvision, in Weimar auftrat, saßen im Publikum auch Künstler des angeblich so rationalen Bauhauses: Walter Gropius, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer. Dass Linses Buch vor drei Jahrzehnten derart großes Aufsehen erregte, lag an der damals geradezu irrwitzigen Aktualität: an Sekten wie jener des indischen Gurus Baghwan und am Endzeitgefühl einer sich selbst zerstörenden Welt, das sich in einer Partei namens Die Grünen und in der Ökologiebewegung spiegelte.

Vor zwanzig Jahren, im Angesicht des implodierten Staatssozialismus, beleuchtete die Schirn Kunsthalle schon einmal ein ähnliches Thema, nämlich die Querverbindungen der Moderne von 1900 bis 1915 zum Okkultismus. Auch damals schon war der Symbolist Frantisek Kupka in der monströsen Schau zu sehen.

Nun, in der Ausstellung Künstler und Propheten, ist die Zahl der Exponate mit mehr als vierhundert Werken noch monumentaler. Immerhin schultert die Kuratorin Pamela Kort diesmal gleich ein gesamtes Jahrhundert. Chronologisch ist diese wissenschaftshistorisch nicht ganz so "geheime Geschichte der Moderne" in vierzehn Sektionen untergliedert, je eine für einen Künstler oder "Propheten".

Anthroposophischer Bierernst

Die Schau setzt mit Karl Wilhelm Diefenbach ein, der sich via München und einer Künstlerkommune in Wien-Hütteldorf, die beklemmend an jene von Otto Muehl erinnert, bis Capri vorarbeitete. Sein großer Fries Per aspera ad astra (1892) beschwört eine paradiesische Welt vor Industrialisierung, Eisenbahn, Christentum und Steuererklärung.

Im abwechslungsreichen, Kunsthistorie mit Sozialgeschichte mischenden Parcours folgen Kabinette für Fidus alias Hugo Höppener, einem Vertreter der alle Bereiche umfassenden "Lebensreform"; für den schon erwähnten tschechischen Maler Frantisek Kupka; für Egon Schiele; für den bitterarmen, deutsch-österreichischen Aussteiger Gusto Gräser; den Künstler und Wanderprediger Gustaf Nagel, sowie den Architekten, Schriftsteller und Ober-Dada Johannes Baader.

Mehr als bedenklich ist aber das Ausblenden der Tatsache, dass die vielen "Führer" zu einem Führer-System führten, dem sie - gedanklich, in Worten, Bildern, Symbolen und Aktionen - massiv den Boden bereitet hatten.

Der wortgewaltige Aufstand gegen Aufklärung und Republik trug seine völkisch-nationalistischen Früchte. Dass die Nazis unerbittlich zurückschlugen, ändert nichts daran, dass Fidus, den Hitler und die NSDAP bald massiv zensieren und unterdrücken sollten, Nationalsozialist war und blieb. Bereits 1932 war er in die Partei eingetreten und selbst nach 1945 wollte und konnte er mit seiner pseudo-geistesaristokratischen, rassistischen, durch und durch homophilen Astral- und Lichtkörperkunst nicht aufhören.

Die Nachkriegszeit repräsentieren frivole Buntstiftzeichnungen Friedrich Schröder-Sonnensterns, in denen de Sade Gugging trifft, relativ frühe Arbeiten Friedensreich Hundertwassers, in denen er sich ganz direkt auf Schiele bezog, sowie Arbeiten von Joseph Beuys und Jörg Immendorff. Letzter konterkarierte mit seinen Baby- und Lidl-Arbeiten ironisch den anthroposophischen Bierernst seines Lehrers. Und vielleicht zeigt man Beuys, den Schamanen, tatsächlich so, im Kontext von Künstlern und falschen Propheten, richtig: weil er heute eher zur zweiten Kategorie gehört denn zur ersten. (Alexander Kluy aus Frankfurt, DER STANDARD, 22.4.2015)

  • Der Künstler Karl Wilhelm Diefenbach inmitten der "Kommune des Himmelhofs". Sie gilt als Vorläufer der Muehl-Kommune am Friedrichshof.
    foto: studio lichtwert

    Der Künstler Karl Wilhelm Diefenbach inmitten der "Kommune des Himmelhofs". Sie gilt als Vorläufer der Muehl-Kommune am Friedrichshof.

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