Auschwitz-Prozess: Besser spät als nie

Kommentar21. April 2015, 17:46
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Wichtiger ist das Signal, das von diesem Prozess ausgeht

Ist das richtig so? Das fragen sich viele Menschen, die die Bilder des ehemaligen SS-Mannes Oskar Gröning aus Auschwitz gesehen haben. Ein 93-jähriger Mann mit schlohweißem Haar schiebt sich mühsam mit dem Rollator ins Landgericht Lüneburg, wo er sich wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu verantworten hat. Ja, es ist - wenige Tage vor dem 70. Jahrestag des Kriegsendes - ein richtiger und wichtiger Prozess. Und es ist gut, dass Gröning ein Geständnis abgelegt hat. Es mag Taktik gewesen sein, aber auch Erleichterung für ihn selbst.

Das Leid, das die Auschwitz-Überlebenden ertragen mussten, ist ohnehin nie wieder gutzumachen. Doch hier hat wenigstens einer nicht geschwiegen und vertuscht, wie es zuvor schon so oft der Fall gewesen ist. Es geht auch nicht darum, Gröning noch für viele Jahre wegzusperren. Dazu würde es, selbst im Fall einer Verurteilung, wohl ohnehin nicht kommen.

Wichtiger ist das Signal, das von diesem Prozess ausgeht. Es darf keinen Schlussstrich geben. Solange mutmaßliche Täter unter uns leben, muss der Staat versuchen, sie zur Verantwortung zu ziehen. So wird auch mit einer weitverbreiteten, weil bequemen These aufgeräumt: dass die vielen "kleinen Rädchen" ja nichts für die Gräuel konnten. Sie waren es, die das große Rad am Laufen hielten. Und zu viele "kleine Rädchen" sind nach 1945 ohnehin einfach davongekommen. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 22.4.2015)

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