Bauman: Für eine Debatte ohne Rufmord

Kommentar der anderen21. April 2015, 17:31
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Über die Vergangenheit des polnischen Soziologen kann und muss debattiert werden - aber nicht im Fahrwasser von Rechtsextremen. Wer eine offene Gesellschaft will, muss sich ihnen vielmehr entgegenstellen

Eine Störaktion polnischer Rechtsextremer während eines Vortrags des Soziologen und polnisch-jüdischen Überlebenden Zygmunt Bauman veranlasst Christian Fleck zu einem Kommentar ("Zygmunt Bauman und das 'liquide' Vergessen", im STANDARD vom 15. 4. 2015). Fleck zürnt jedoch nicht den Männern, die auf Polnisch etwa "Kommunisten lassen wir nicht leben" schrien. Nein, Fleck nutzt die Gelegenheit, um über Bauman herzuziehen und über jene, die, wie Fleck schreibt, ihn "hofieren", weil sie den weltberühmten Wissenschafter einluden, um ihn seine Theorien referieren zu lassen.

Fleck kümmert nicht, "wie weit rechts die Störer auch immer zu verorten sein mögen". Ihn schert auch nicht, wie oft Bauman in Polen bereits angegriffen wurde, wie dort seine Referate durch Schwarzhemden gestürmt wurden, um ihre rassistischen Parolen abzulassen. Er will nur: Bauman möge über seine Tätigkeit von 1945 bis 1953 Auskunft geben.

Bauman diente damals im Korpus Bezpieczenstwa Wewnetrznego", einer militärischen Sondereinheit, die dem polnischen "Ministerium für öffentliche Sicherheit" unterstellt war. Bauman schweige zu jener Zeit, so Fleck, und die Gastgeber des alten Soziologen würden ihn nicht danach fragen. Fleck sollte wissen, wie überzogen es ist, zu sagen, Bauman habe sich zu seiner Vergangenheit noch nicht geäußert.

Bauman leugnete nie seine stalinistische Lebensphase und seinen Dienst im Sicherheitsapparat. Er verschwieg zwar lange seine dreijährige Tätigkeit für den Geheimdienst, doch im April 2007 äußerte er sich dazu in einem Guardian-Interview. Eine verbrecherische Schuld, wie Fleck unterstellt, wurde ihm nie nachgewiesen. Das Aktenmaterial über Bauman als kommunistischen Agenten ist viel schmäler als jenes über ihn als Opfer stalinistischer Bespitzelung und Repression.

Um nicht missverstanden zu werden: Die Faszination des Stalinismus für viele Intellektuelle und für nicht wenige Verfolgte des Nazismus darf kein Tabu sein. Nichts spricht gegen kritische Fragen an Bauman. Nichts auch gegen eine schonungslose Debatte über Baumans Theorien.

Fleck lässt sich auf eine sorgfältige Auseinandersetzung mit Bauman gar nicht ein. Er erörtert nicht, in welcher Situation sich Bauman von 1945 bis 1953 befand. Er forscht nicht danach, welche Taten Bauman - unmittelbar dem Vernichtungskrieg und dem Massenmord entronnen - wirklich zu verantworten hatte. Der Soziologe Fleck richtet seine Vorwürfe nicht nur gegen Bauman und zielt nicht allein gegen alle, die den Vortrag dieses weltweit angesehen Soziologen anhören wollen, dessen Wirken vielfach ausgezeichnet wurde. Nein, Fleck attackiert auch Mailath-Pokorny, weil der es wagte, die rechtsradikalen Störer zu verurteilen, und meinte, an einem "Ort, der für Offenheit, kritische Analyse und demokratischen Diskurs steht, haben Extremismus und Gewalt keinen Platz." Fleck wendet ein Zitat Kreiskys gegen den Stadtrat: "Lernen S' Geschichte!"

Fleck tut, als sei es den polnischen Rechtsextremisten um eine intellektuelle Erörterung gegangen. Versteht er so ihr "Kommunisten lassen wir nicht leben"? Weiß er, der anderen die Auseinandersetzung mit der Historie empfiehlt, nicht um die faschistischen Traditionen, unliebsame Veranstaltungen zu sprengen?

Wer auf Youtube sieht, wie 2013 dutzende junge Glatzköpfe in eine Veranstaltung Baumans drangen und Hetzparolen grölten, der begreift: Den Rechtsradikalen geht es nicht um Aufklärung. Sie attackieren den polnisch-jüdischen Professor, der bereits 1968 aufgrund einer antisemitischen Kampagne die Warschauer Universität verlassen musste. In diesem Punkt unterscheiden sich Faschisten und Stalinisten kaum, und es ist Christian Fleck, der nicht davor zurückschreckt, in ihrem Fahrwasser mitzuschwimmen.

Besonders abstrus wird es, wenn Fleck dem Republikanischen Club vorwirft, eine Diskussion mit Bauman veranstaltet zu haben, weil diese Institution doch "wegen der Vergesslichkeit eines anderen der Bauman-Generation gegründet wurde". Glaubt Fleck, es wäre damals darum gegangen, Kurt Waldheim nicht ein theoretisches Referat halten zu lassen? Versteht er den Unterschied zwischen Präsidentenamt und Vortrag nicht? Erinnert sich Fleck zudem nicht an den antisemitischen Wahlkampf im Jahr 1986, nicht an die Behauptungen Waldheims, in Saloniki nie Deportationen gesehen zu haben, nicht an Waldheims stolzes Diktum, damals seine Pflicht erfüllt zu haben?

Bauman, der Neunzigjährige, stellte sich der offenen Diskussion. Die Veranstaltung war öffentlich zugänglich. Fleck kennt die Adresse. Jede Frage hätte hier in aller Ruhe gestellt werden können. Ohne Häme, ohne Hetze, ohne Mordaufruf - doch auch ohne Rufmord!

Rechtsradikale wollen Baumans Vorträge verhindern. Wer die offene Gesellschaft verteidigen will, muss sich ihnen entgegenstellen. (Doron Rabinovici, DER STANDARD, 22.4.2015)

Doron Rabinovici (Jg. 1961) ist Schriftsteller und lebt in Wien.

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Zygmunt Bauman und das "liquide" Vergessen - Von Christian Fleck

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