Selfie-Hintergründe

Einserkastl21. April 2015, 17:15
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Selfietaugliche Fotografiermaschinen sind für andere gefährlich

Die Frühlingssonne im Wiener Stadtpark lässt den goldenen Schani wieder besonders schön funkeln und glänzen: die beste Zeit, um soziologische Studien anzustellen über den - meist in Gruppen auftretenden - sich selbst mit Johann Strauß fotografierenden Menschen des 21. Jahrhundert. Hin und wieder darf unser aufgeigender Walzerkönig auch allein ins Bild, aber eher selten.

Die dabei zum Einsatz kommenden Selfie-Sticks werden immer abenteuerlicher, und wenn in vielen tausend Jahren die nächste Homo-Spezies - was wird wohl nach der freundlichen Selbstbezeichnung "sapiens" kommen? - bei archäologischen Ausgrabungen solche zutage befördert, werden sie wohl für Waffen mit unklarem Zweck gehalten werden. Was ja gar nicht so verkehrt ist.

Überhaupt sind selfietaugliche Fotografiermaschinen für andere gefährlich, besonders im Flugzeug. Ein langer Business-Flug, ein Steward hat einen - als solcher nur für ihn erkennbaren - Promi (Sportler? Popstar?) geortet und reagiert mit kindlicher Begeisterung (sowie einer besonderen Fürsorge, die die anderen Passagiere mit Neid verfolgen).

Dann schläft der Promi, und ein büselnder Promi schaut genauso würdelos zerknautscht aus wie alle anderen büselnden Passagiere. Und der Steward wacht über den Schlaf des Wehrlosen? Nein, der Jäger in ihm siegt über den Hirten, und er greift zum Handy: Selfie mit schnarchendem Promi als Hintergrund. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 22.4.2015)

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