Altorientalist: "Die großen Katastrophen passieren im Schatten"

Interview23. April 2015, 14:00
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Michael Jursa über die Hintergründe der Zerstörung antiker Kulturgüter durch den Vormarsch des IS im Irak

STANDARD: Der sogenannte Islamische Staat (IS) hat in den letzten Monaten antike Kulturgüter im Irak zerstört und die Aktionen via Youtube verbreitet. Was sind die Motive der Terroristen?

Michael Jursa: Die Propaganda des IS verkauft das als Zerstörung vorislamischer Götzenbilder - sie verpacken das in ihre enge, fundamentalistische Weltsicht des Islam, neben der es nichts anderes mehr geben darf. Gleichzeitig wissen wir, dass der IS mit portableren antiken Objekten Handel betreibt - das passt mit der Propaganda nicht zusammen. Wir müssen das Bewusstsein dafür schärfen - auch in Österreich -, dass Antiquitäten aus dem Mittleren Osten, die jetzt auf den Markt kommen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gestohlen worden sind - wahrscheinlich durch den IS oder andere ähnlich agierende Gruppen. Die Filme der Zerstörungen haben auch die Rolle, die Preise der Objekte, die sie verkaufen, in die Höhe zu treiben. Deswegen ist so wichtig zu sagen: Kauft diese Dinge nicht, sonst nehmen Zerstörung und Raubgrabungen zu.

STANDARD: Was ist der politische Hintergrund der Zerstörungen?

Jursa: Im Irak hat sich, seit die Ausgrabungen im 19. Jahrhundert begonnen haben, eine Wertschätzung der vorislamischen Geschichte entwickelt. Man spricht zu Recht von der Wiege der Kultur und dem Land der Schrifterfindung. Die gebildete irakische Mittel- und Oberschicht war stolz auf die jahrtausendealte Vergangenheit. Seit der Invasion der Amerikaner 2002 sind viele dieser Leute geflohen oder umgebracht worden; wer bleibt, verhält sich still und arbeitet im besten Fall unter schwierigsten Umständen. Die Zerstörungen des IS sind auch ein Angriff auf die noch verbleibende säkular ausgerichtete Intelligenz im Irak. Meinen Kollegen vor Ort soll damit der Boden unter den Füßen weggezogen werden.

STANDARD: Warum klaffen die Einschätzungen der Zerstörungen so weit auseinander - von "enormen Verlusten" bis "nur Fälschungen"?

Jursa: Da eine unabhängige Beobachtung momentan nicht möglich ist, gibt es viele Unklarheiten. Die Satellitenaufnahmen sind nicht aussagekräftig genug, um Details zu eruieren. In Syrien ist die Katastrophe noch großflächiger, obwohl man fast nicht darüber spricht, dass Weltkulturerbestätten dort massiv in Mitleidenschaft gezogen werden - etwa die Altstadt von Aleppo. Was jetzt wirklich im Irak passiert ist, wissen wir nicht genau, doch wir haben den Eindruck, dass die gefilmten Zerstörungen im Irak zwar schlimm sind, aber nicht die ganz große Tragödie. Die wirklich großen Katastrophen passieren im Schatten, dort, wo nicht dokumentiert wird.

STANDARD: Wo ist das?

Jursa: Der Irak und Syrien sind voll mit antiken Ruinenhügeln, die oft unausgegraben sind. Wenn Sie da mit einem Bulldozer hineinfahren, finden Sie ziemlich sicher etwas. Raubgräber, auch solche der IS, machen das, um die schönsten Funde zu verkaufen. Das ist zwar nicht so spektakulär wie das Sprengen freistehender Skulpturen, der Schaden ist aber noch größer.

STANDARD: Wie haben sich die Umwälzungen im Irak seit 2000 auf die Forscher ausgewirkt?

Jursa: Meine Kontakte sind seither zusammengebrochen. Die Leute, die ich im Irak kannte, sind geflohen oder tot. Seit 2002 ist dort kaum geforscht worden. Die westlichen Ausgräber sind weiter nach Syrien gezogen - bis dort Krieg ausbrach. Viele sind dann nach Kurdistan ausgewichen, jetzt ist dort der IS vor der Tür.

STANDARD: Sie organisieren diese Woche in Wien eine Konferenz, um Hintergründe der aktuellen Zerstörungen zu beleuchten - mit welcher Intention?

Jursa: Wir versuchen, die IS-Propaganda besser zu verstehen - hier wird auch in den Medien oft vereinfacht. Auch wollen wir ein Bewusstsein schaffen für die Verluste an kulturellem Erbe und für die Wichtigkeit, keine Antiquitäten zu kaufen. Österreich ist zwar derzeit keine große Drehscheibe für diesen Handel, aber etwa in Deutschland - neben den üblichen Umschlagplätzen wie London und Zürich - sind bereits viele Objekte auf den Markt gekommen. Man spricht von Milliardenumsätzen, die weltweit mit illegalen Antiquitäten gemacht werden.

STANDARD: Wie hat sich dieser Export von Antiquitäten entwickelt?

Jursa: Vieles, was in westlichen Museen an Objekten aus Mesopotamien zu sehen ist, stammt aus Raubgrabungen des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts. Mit der Schaffung eines neuen Antikengesetzes nach dem ersten Weltkrieg hat sich das geändert - da gab es die Regel, dass nichts exportiert werden soll. Außerdem wurde mit dem Irak-Museum in Bagdad ein lokaler Aufbewahrungsort geschaffen, in den viele großartige Funde aus Mesopotamien kamen. Der Irak war bis in die 1990er ein gut kontrolliertes Gebiet für Ausgrabungen mit hochprofessionellem Antikendienst. Seit die irakische Staatlichkeit 2002 durch die amerikanische Invasion zusammengebrochen ist, haben sich Raubgrabungen vervielfacht.

STANDARD: Was können Wissenschafter mit Objekten, die illegal ausgegraben wurden, anfangen?

Jursa: Wenn man mit Archäologen spricht, sagen sie zu Recht: Man sollte diese Sachen nicht einmal ansehen, weil man damit die Plünderungen fördert. Wenn man mit Philologen spricht, die mit Keilschrifttexten arbeiten - wie auch ich -, ist das anders. Man muss ehrlich sagen, wir sind viel mehr in Versuchung, mit solchen Objekten zu arbeiten, weil man die Texte lesen und zuordnen kann. Ein dekontextualisiertes Objekt wie eine Keramikschale sagt einem viel weniger. Da hat sich in der Forschung eine gewisse Spannung aufgebaut. Allerdings: Man weiß, dass für jedes gut erhaltene Objekt eine Vielzahl von beschädigten ausgegraben wird - für die Wissenschaft wären die genauso wichtig. Doch auf den Markt kommen nur die intakten, der Rest wird zerstört. Durch jedes Interesse, das man den Objekten widmet, beschleunigt man die Zerstörung weiterer Funde.

STANDARD: Warum betreffen die Verluste nicht nur direkt die irakische Kultur, sondern auch unsere?

Jursa: Der Irak ist die Gegend, wo sich ganz wesentliche Institutionen, die wir mit unserem Leben assoziieren, zum ersten Mal ausgebildet haben - dort wurde die Schrift erfunden, die ersten Städte wurden dort geschaffen, dort hat sich urbanes Leben entwickelt, wie wir es immer noch kennen - unsere Wurzeln kann man also auf den Irak zurückführen. Was dort zerstört wird, ist auch unsere Geschichte. (Tanja Traxler, DER STANDARD, 22.4.2015)


Michael Jursa (48) studierte altsemitische Philologie und orientalische Archäologie an der Universität Wien. Seit 2008 ist er dort Professor für Assyriologie. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Mesopotamiens.

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  • Michael Jursa will das Bewusstsein dafür schärfen, dass der Kauf von Antiquitäten Raubplünderungen durch den IS ankurbelt.
    foto: standard/corn

    Michael Jursa will das Bewusstsein dafür schärfen, dass der Kauf von Antiquitäten Raubplünderungen durch den IS ankurbelt.

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