Riccardo Muti: "Dirigiere nur Orchester, die mir am Herzen liegen"

Interview22. April 2015, 11:35
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Der Chef des Chicago Symphony Orchestra gastiert im Wiener Musikverein. Ab Freitag dirigiert er an drei aufeinanderfolgenden Abenden die Philharmoniker

STANDARD: Chicago Symphony Orchestra, Berliner und Wiener Philharmoniker, dazwischen das Orchestra Cherubini: Sie scheinen sich keine Ruhepausen zu gönnen.

Muti: Jedenfalls nicht genug und sicherlich nicht so viele, wie ich mir wünschen würde. Ich dirigiere aber jetzt nur Orchester, die mir am Herzen liegen. Ich zerstreue mich nicht rund um die Welt als Jetset-Dirigent.

STANDARD: Wie viel ist Ihrer Ansicht nach bei einem Dirigenten Talent, wie viel Disziplin?

Muti: Heute ist das Dirigieren ein autonomes Fach geworden. In vielen Schulen lehrt man das Orchester-Dirigieren als eigenständiges Fach. Früher wurde man Dirigent, nachdem man lange studiert hatte. Erst am Ende begann man zu dirigieren und dabei beobachtete man sehr genau die anderen. Arturo Toscanini, Bruno Walter, Wilhelm Furtwängler, Arthur Nikisch hatten das Dirigieren sicherlich nicht in der Schule gelernt, aber sie hatten tiefgehende Musikkenntnisse. Heute fangen die meisten jungen Menschen zu dirigieren an, ohne auf diesen fundierten Background zurückgreifen zu können. Daher wissen sie nicht, wie man ein Orchester aufbaut und wie man ein Gesangsensemble bildet. Das wird ein immer größeres Problem werden.

STANDARD: Chicago, Berliner, Wiener: Was unterscheidet die drei Orchester, was macht sie Ihrer Meinung nach so einzigartig?

Muti: Eine genaue Beschreibung ihrer Unterschiede würde viel Zeit und eine gründliche Analyse in Anspruch nehmen. Ohne ins Detail zu gehen: Für mich sind sie aufgrund ihres außerordentlichen technischen und künstlerischen Niveaus die drei besten Orchester der Welt.

STANDARD: Nach den Wien-Konzerten gehen Sie mit den Wiener Philharmonikern auf Russland-Tournee. Sie und die Wiener: eine Liebesgeschichte ohne Krise?

Muti: Ja, in der Tat, es ist eine Liebesgeschichte, die auf das Jahr 1971 zurückgeht und immer stärker wurde. Ich war dreißig Jahre alt, als ich sie das erste Mal dirigiert habe. Seitdem habe ich sie ohne Unterbrechung - zwischen Tourneen, Aufnahmen, Salzburg und Wien - jedes Jahr dirigiert, heute bin ich 73 Jahre alt. Die Wiener Philharmoniker haben mich mit Zuneigung, Respekt und Ehrungen aufgenommen, haben mich beispielsweise zum Ehrenmitglied ernannt oder mir auch den Goldenen Ring verliehen.

STANDARD: Das Wiener Publikum würde Sie auch gern wieder in der Staatsoper erleben. Darf es hoffen?

Muti: Es ist eine Zeitfrage. Eine neue Produktion mit allen Aufführungen benötigt viel Zeit. Wegen der Engagements mit dem Chicago und dem Cherubini Orchestra, der Accademia, der Salzburger Festspiele und etlichen mehr, wäre es heute für mich äußerst schwierig, diesen Freiraum zu finden, ohne noch mehr von meiner Freizeit zu opfern. Aber wer weiß, auf Italienisch sagt man: Solange man lebt, gibt es Hoffnung!

STANDARD: Sie haben im Vorjahr Ihren Vertrag mit dem Chicago Symphony Orchestra bis 2020 verlängert.

Muti: Ja, ich fühle mich sehr an das Orchester gebunden. Es besteht eine wunderbare Beziehung zwischen mir, den Musikern und der Stadt. Deswegen bin ich glücklich darüber, in erster Linie mit ihnen bis 2020 zusammenarbeiten zu können.

STANDARD: Wenn Sie mit Staatsmännern zusammentreffen, so wie vielleicht nun, während Ihrer Russland-Tournee, mit Putin: Spricht man da auch über politische Probleme?

Muti: Ich weiß nicht, ob ich Putin auf dieser Tournee überhaupt treffen werde. In der Regel spricht man nicht über Politik, sondern über die Wichtigkeit der Musik - als einer völkervereinigenden Kunst. Das kann man heute auch in vielen arabischen Ländern und im Fernen Osten beobachten: Dort öffnet man sich der westlichen Musik als einer der höchsten Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Seele im universellen Sinn. (Flaminia Bussotti, DER STANDARD, 22.4.2015)

Riccardo Muti (73) absolvierte in seiner Geburtsstadt Neapel ein Musikstudium, das er als Pianist abschloss. Das Dirigieren lernte er am Mailänder Verdi-Konservatorium. Seit 1971 gastiert er regelmäßig bei den Salzburger Festspielen, bald darauf stand er erstmals am Dirigentenpult der Wiener Staatsoper. Seit 2010 ist er Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra.

23. April, 19.30 Uhr: Muti ist zu Gast bei Globart im Wiener Franziskanerkloster.

24., 25. und 26. April: Zyklus mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein.


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    foto: silvia lelli

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