Frankreich debattiert Regeln für Gebetsteppich am Arbeitsplatz

22. April 2015, 12:38
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Eine repräsentative Umfrage sieht Privatunternehmer zunehmend von der Religionsdebatte überfordert

23 Prozent der französischen Privatunternehmer müssen sich "regelmäßig" mit Religionsfragen im Betriebsalltag befassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Dienstag publizierte Umfrage des Instituts Randstad. Auffällig ist vor allem das Plus: Vor 2015 hatten sich erst zwölf Prozent der Personalchefs mit solchen Themen auseinandergesetzt.

Die Zahlen verursachen hohe Wellen in Frankreich, wo die Thematik "Religion im Betrieb" bisher kaum diskutiert wurde. Die strikt laizistische Nation hat religiöse Symbole zwar in Schulen oder Ämtern untersagt, die Privatwirtschaft wurde aber ausgeklammert.

"Identität verteidigen"

Jetzt wird auch sie von der politischen Debatte erfasst. Die Verdoppelung wird nicht zuletzt auf die Terroranschläge auf "Charlie Hebdo" zurückgeführt. Das behauptet jedenfalls Lionel Honoré von der Beobachtungsstelle für die religiöse Frage in Unternehmen (OFRE): "Nach den Attentaten hatten viele Muslime den Eindruck, dass ihre Religion mit dem radikalen Islam gleichgesetzt und stigmatisiert werde. Als Reaktion verteidigen sie ihre Identität umso stärker auch in ihrem Unternehmen." Und das, obwohl der religiöse Aspekt für sie gar nicht im Vordergrund stehe, präzisiert Honoré: 95 Prozent der Muslime räumten ihrem Job klar den Vorrang vor der Religion ein.

Konkret ging es in 19 Prozent der Fälle um den Wunsch von Angestellten, sich wegen eines religiösen Festes freizunehmen. 17 Prozent betreffen das Tragen "ostentativer religiöser Zeichen", also Kreuze, Kippas oder Kopftuch. Zwölf Prozent entfallen auf individuelle Arbeitszeitwünsche zur Einhaltung religiöser Gebetszeiten. Eigentliche Arbeitskonflikte entstehen nur in sechs Prozent der Fälle - am häufigsten wegen "Stigmatisierung", seltener wegen der Weigerung von Männern, mit Frauen zu arbeiten.

Viele Arbeitgeber zeigen sich überfordert. "Die meisten würden sich lieber mit Angestellten befassen, die fischen gehen wollen, statt zu beten", meint die Randstad-Verantwortliche Aline Crépin.

Firmen mit internen Regeln

Das Gesetz überlässt es den Privatfirmen, interne Regeln aufzustellen. Verbreitung finden sie vor allem in Branchen wie Transport, Logistik, Lebensmittel oder Bauindustrie. So hat etwa die Supermarktkette Casino für ihre Filialleiter und Angestellten kürzlich eine präzise und verbindliche Broschüre über den Umgang mit religiösen Anfragen erarbeitet. Und die Recycling-Firma Paprec in Saint-Denis unterbreitete ihren Angestellten eine "Laizismus-Charta". Sie verbietet etwa das Zurschaustellen religiöser Symbole. Solche Betriebsregeln sind aber gerichtlich anfechtbar.

Vor einem Jahr wies der französische Kassationshof die Klage einer Muslimin ab, die von der privaten Tageskrippe Baby Loup wegen Kopftuchtragens entlassen worden war. Dieses Urteil entspricht den Resultaten mehrerer Meinungsumfragen, in denen sich die Franzosen mehrheitlich für ein Kopftuchverbot auch in der Privatwirtschaft aussprechen.

Der Straßburger Arbeitsexperte und Philosophieprofessor Frédéric Rognon warnt vor einer zu strikten Regelung, da sie den Einzelfällen häufig nicht gerecht würden. Ein Kopftuchverbot sei eventuell bei einem direkten Kundenkontakt vertretbar, kaum aber im stillen Kämmerlein. "Oft genügt es, genau hinzuhören, um die Probleme zu lösen. Die Lage verkrampft sich meist nur, wenn die Identität der Angestellten generell negiert wird", so Rognon. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 22.4.2015)

  • Für die Ausübung von Religion schreibt die französische Supermarktkette Casino ihren Angestellten klare Regeln vor.
    foto: reuters / regis duvignau

    Für die Ausübung von Religion schreibt die französische Supermarktkette Casino ihren Angestellten klare Regeln vor.

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