Wie HP den Computer neu erfinden und sich selbst retten will

1. Juni 2015, 17:53
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Unternehmen will Aufteilung zwischen Arbeits- und Datenspeicher überwinden und extrem schnellen Rechner entwickeln

Seit über 75 Jahren existiert Hewlett-Packard: Der Elektronikgigant ist aus der IT-Branche nicht mehr wegzudenken. Doch in den vergangenen Jahren litt das Kerngeschäft des Schwergewichts. Mittlerweile sind Server, Drucker und Tinte die Haupteinnahmequellen von HP, in weiterer Folge sind auch noch PCs und Laptops zu nennen. Doch all diese Bereiche leiden unter der Konkurrenz durch die Cloud, Smartphones und Hersteller mit günstigeren Produkten. Eine Aufteilung in zwei Unternehmen und der Abbau von zigtausenden Jobs sollen helfen.

100 Mal schneller

Allerdings könnten die Umstrukturierungen nicht ausreichen, um das Ruder herumzureißen. Deshalb arbeitet HP an einem hochgeheimen Projekt, das den Computer revolutionieren soll. Ein Gerät namens "The Machine" soll 100 Mal schneller als herkömmliche Rechner sein, dabei gleichzeitig aber einen viel geringeren Energieverbrauch aufweisen. Vom Einsatz in Universitäten bis hin zu Smartphones soll die Neuentwicklung für HP neue Marktanteile sichern. Rund 75 Prozent von HPs Forschungsteam arbeitet an "The Machine", insgesamt beträgt das Budget über zwei Milliarden Dollar.

hp

Memristor

Vereinfacht gesagt will HP dabei den Aufbau des Computers komplett überarbeiten: Kernstück ist der sogenannte "Memristor", der Flash-Speicher ersetzen soll. Die klassische Architektur von Rechnern soll durch ein neues System ersetzt werden; der Arbeits- mit dem Datenspeicher verschmelzen. Gängige Komponenten sind dazu nicht in der Lage, der Memristor soll dies allerdings bewältigen können. Dadurch sollen komplexe Operationen viel schneller berechnet werden, da keine Zeit für den Austausch von Daten verloren werden. Das spart auch Energie.

Komplett neues Betriebssystem

Um das System optimal nutzen zu können, muss HP gleichzeitig ein komplettes Betriebssystem frisch entwickeln. Das erfolgt in mehreren Schritten: Momentan entsteht Linux ++, das mit gängigen Rechnern schon kompatibel ist. Später soll mit "Carbon" allerdings ein auf "The Machine" zugeschnittenes Betriebssystem erscheinen. In zwei Jahren wird es als Open Source verfügbar sein. Über dem gesamten Projekt schweben allerdings noch viele Fragezeichen.

Computer neu denken

So ist unklar, ob die Memristors, die aus einer dünnen Titan-oxid-Schicht zwischen zwei Elektroden bestehen, jemals in Massenproduktion gehen können – und wie sich massenproduzierte Teile dann im Vergleich zu Prototypen verhalten. Außerdem sollen die Drähte im Prozessor durch Laser ersetzt werden, um eine schnellere Kommunikation zwischen den Komponenten zu ermöglichen. All diese Ideen existieren theoretisch schon länger, Start-Ups und etablierte Firmen wie IBM experimentieren auch in diesen Bereichen. Doch HPs Ansatz ist laut Technology Review der umfassendste Versuch, Computer komplett neu zu denken.

Extrem schnell

In einer Testumgebung simuliert HP momentan "The Machine" bereits. Erste Aufgabe war es, ein Foto zu analysieren und dieses mit einer Datenbank von 80 Millionen Bildern zu vergleichen. Dafür benötigte "The Machine" sagenhafte 50 Millisekunden – ein bis zu hundert Mal schnellerer Wert als gewöhnlich. Wenn das Projekt in fünf Jahren tatsächlich erfolgreich abgeschlossen ist, hat sich die Mühe für HP also gelohnt. (fsc, 1.6..2015)

  • Momentan nimmt HP vor allem durch Server Geld ein
    foto: reuters/carson

    Momentan nimmt HP vor allem durch Server Geld ein

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