Forum Alpbach 2015: Mehr Praxisbezug und mehr Kontroversen

21. April 2015, 15:39
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"Ungleichheit" als Generalthema zum 70-Jahr-Jubiläum

Wien/Alpbach - Die griechische Schuldenkrise bleibt beim von 19. August bis 4. September stattfindenden Forum Alpbach 2015 nicht Bankern und Politikern vorbehalten. Auf den Notstand im griechischen Gesundheitswesen wird gleich zum Forums-Beginn ein Schlaglicht geworfen: Ein griechisches Ärzteteam, das ein Spital für Patienten ohne Krankenversicherung betreibt, reist aus Athen an.

Mehr als ein Viertel der griechischen Bevölkerung ist ohne Krankenversicherung, die Zahl ist mit der gestiegenen Arbeitslosigkeit explodiert. Einer der ersten Ärzte, der mit befreundeten Kollegen ein privat spendenfinanziertes Spital aufgezogen hat, ist Georgios Vichas. Seine Kritik am Sparzwang und Zusammenbruch des staatlichen Gesundheitswesens wird längst über die griechischen Grenzen hinaus gehört. Bei den Gesundheitsgesprächen stellt Vichas sein Sozialspitalmodell nun den Teilnehmern am 70. Europäischen Forum Alpbach vor.

Generalthema "UnGleichheit"

Generalthema in Alpbach ist im Jubiläumsjahr die "UnGleichheit". Vichas ist laut Forums-Präsident Franz Fischler einer von 50 Pionieren aus Europa, die mit ihren Initiativen im Gesundheits- bzw. Sozialheitswesen oder in der Wissenschaft Ungleichheiten anprangern und Stolpersteine aus dem Weg räumen wollen. "Mit dem Thema legen wir den Finger in eine klaffende Wunde der Gesellschaft."

Neben der traditionellen Suche nach politischen Antworten will sich das Forum stärker Praxisthemen widmen. Neben bekannten Wirtschaftskapitänen kommt etwa ein dänischer Firmengründer zu Wort, der Beschäftigte mit Autismus in Firmen integriert.

Politikeransturm

Hunderte nationale und internationale Vertreter und Sprecher aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft reisen im August und September ins Tiroler Bergdorf, 4.500 Teilnehmer aus aller Welt werden erwartet. Als Pflichttermin gilt Alpbach wieder der Politik. Bundespräsident Heinz Fischer ist angekündigt. Von der Regierung haben bisher die Minister Wolfgang Brandstetter, Rudolf Hundstorfer, Sophie Karmasin, Sebastian Kurz, Reinhold Mitterlehner, Sabine Oberhauser, Hans Jörg Schelling, Andrä Rupprechter und Alois Stöger zugesagt.

Die Russland- und Ukrainekrise wird "natürlich" eine Rolle spielen, hieß es am Dienstag bei der Auftaktpressekonferenz. Ebenso die "Tragödien im Süden und in Nahost". Abseits von Politprominenz, Staatslenkern oder EU-Kommissionsvertretern sind Menschenrechtsaktivisten und Nobelpreisträger eingeladen, unter ihnen Yetnebersh Nigussie, Jose Ramos-Horta oder Daniel Shechtman. Unter den Vortragenden ist auch die britische Modemacherin und Polit-Aktivistin Vivienne Westwood. Ihr Mann Andreas Kronthaler stammt aus Tirol.

Interventionen und Kontroversen

So wie am Beginn gleich nach dem Krieg 1945 sollen in Zukunft wieder Kultur und Kunstschaffende eine größere Rolle spielen beim Forum Alpbach, sagte Fischler. Jede Veranstaltung soll heuer mit einer "künstlerischen Intervention" starten. Die Kunstschaffenden sollen sich zudem stärker unter die Diskutanten mischen. Mit fachspezifischen Panel-Diskussionen mit fünf Diskutanten, die mehr oder weniger den gleichen Mainstream vertreten, will er überhaupt eher aufräumen. Das rege zu wenig zum Denken an. Gerade bei den Finanz- und Wirtschaftsgesprächen will er "Auseinandersetzung" und Kontroverse sehen.

Rund um das Kongresszentrum ist heuer im Sommer Baustellenzone. Das Tagungszentrum wird massiv erweitert. Den Löwenanteil des 10,5-Millionen-Projekts trägt das Land Tirol, je eine Million kommt von Alpbach sowie von Südtirol und Trient, die beide mehr Aktivitäten ins österreichische Alpbach verlegen wollten. Wer das Forum im Internet verfolgen will, kann dies mittels Livestream tun. (APA, 21.4.2015)

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