Polen über US-Aussage zu Holocaust empört

22. April 2015, 05:30
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FBI-Chef James Comey steht nach Anmerkungen über eine Mitschuld Polens in der Kritik

"Skandalös, dumm, empörend, ignorant" – das sind die freundlichsten Worte, mit denen in Polen eine eigentlich gut gemeinte Rede von James Comey, Chef der US-Bundespolizei FBI, kommentiert wird. Comey sagte, er wolle künftig alle FBI-Agenten einmal im Lauf ihrer Karriere ins Holocaust-Museum schicken. "Denn nicht nur die Mörder aus Deutschland, sondern auch ihre Kollaborateure aus Polen, Ungarn und vielen, vielen anderen Ländern hätten ihrem eigenen Selbstverständnis nach nichts Böses getan."

Viele Polen sahen sich mit dieser Rede als Mitschuldige des Holocaust an den Pranger gestellt. Staatspräsident Bronislaw Komorowski wirft dem FBI-Chef "Ignoranz, mangelndes Wissen und eine offenbar persönliche Abneigung" gegenüber Polen vor. Comey beleidige mit seinen Äußerungen nicht nur Polen, die Juden in der Kriegszeit geholfen hätten, sondern auch den polnischen Untergrundkurier Jan Karski, der versucht hatte, die Welt vom Holocaust zu informieren.

Nicht "alle Polen" gemeint

Auch Polens Premierministerin Ewa Kopacz ist empört: "Die Worte Comeys sind nicht nur für mich, sondern für jeden Polen völlig inakzeptabel." Außenminister Grzegorz Schetyna erwartet, dass nach dem Gespräch mit dem ins Außenministerium einbestellten US-Botschafter "jemand in Washington sich in aller Form bei den Polen entschuldigen wird".

Während sich zu Wochenbeginn noch fast alle Medien über "den Amerikaner" und dessen "unsägliche Gleichsetzung der Polen mit den Nazis" empören, wiegeln Mitglieder der jüdischen Gemeinde ab: Man solle den Text genauer lesen, empfehlen sie. Comey sage doch gar nicht, so Piotr Kadlcik vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Warschau, dass alle Polen und alle Ungarn kollaboriert hätten.

Etwas schärfer fasst es der Publizist Pawel Jedrzejewski vom Forum Polnischer Juden: "Hätte Comey nur von Kollaborateuren gesprochen, ohne Polen und Ungarn besonders hervorzuheben, wäre alles in Ordnung gewesen. Nun aber – in der Wahlkampfzeit – versuchen sich alle Politiker an Empörung zu übertrumpfen."

Der Hang der Medien, alles zu skandalisieren, tue ein Übriges, so Jedrzejewski. Dabei verkürzten sie oft die Zitate, ersetzten das Wort "Deutsche" durch "Nazis". Der "historischen Lüge" habe sich Comey nicht schuldig gemacht. Schließlich habe es durchaus in Polen und Ungarn Kollaborateure gegeben. Abschließendes Urteil: "Diese griesgrämige Empörungshysterie ist völlig überflüssig." (Gabriele Lesser aus Warschau, DER STANDARD, 22.4.2015)

  • FBI-Chef James Comey sorgt nach seinen umstrittenen Aussagen zur Mitschuld der Polen am Holocaust für Empörung.
    foto: ap photo/ evan vucci

    FBI-Chef James Comey sorgt nach seinen umstrittenen Aussagen zur Mitschuld der Polen am Holocaust für Empörung.

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