Rundschau: Forentrolle im Fadenkreuz

Ansichtssache9. Mai 2015, 17:40
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coverfoto: solaris books

James Goss: "Haterz"

Broschiert, 333 Seiten, Solaris Books 2015

Das waren noch Zeiten, als die Geschwister Pfister "The internet is for porn" aus dem Musical "Avenue Q" sangen. Inzwischen heißt es in den Worten George R. R. Martins: "The internet is toxic". Stündlich braut sich in Foren weltweit der Hass zusammen und wartet darauf, sich im nächsten Shitstorm entladen zu dürfen. Dave indes, die Hauptfigur in James Goss' neuem Roman "Haterz", hat seinen eigenen Weg gefunden, wie er mit Hassern umgeht: Er bringt sie alle um.

Kennt noch jemand die Lolcats?

There's something wrong with the internet. If you think about it for a second, you'll see I'm right. I mean, I'm not saying the internet made me kill Danielle, but it certainly helped. So beginnt Daves Manifest über seinen Kampf gegen Forentrolle, Cyber-Mobber, Spammer, Scammer, Softwarepiraten, Hassposter und schlampige Interpunktion. Zwischendurch wirft er dabei auch Schlaglichter auf die Geschichte des Internets, von weithin in Vergessenheit geratenen harmlosen Phänomenen wie den Lolcats bis zu aktuellen Erscheinungen, an die sicher niemand nostalgisch zurückdenken wird. Stichwort Gamergate.

Denn Dave, ein arbeitsloser Schauspieler und hauptberuflicher Spendenkeiler, war von Anfang an dabei. Der leicht misanthropisch veranlagte junge Mann leidet am Auskennersyndrom: Er war in der Schule Fan von "Friends", ehe es zur populärsten Sitcom der Welt wurde (und hat es danach konsequenterweise nicht mehr angeschaut). Genauso ging es ihm mit den diversen Modeerscheinungen im Netz - er weiß, was gut war, ehe es schlecht wurde. Und Wissen plus Unzufriedenheit ergibt Sprengstoff.

Das Morden beginnt

Daves erstes Opfer ist besagte Danielle, die Freundin seines besten Kumpels Guy. Als wäre sie mit ihrer Facebook-Überpräsenz nicht schon nervtötend genug, droht sie Dave eines Tages auch noch, ihn öffentlich bloßzustellen. Daraufhin kippt er der Allergikerin ein paar zermahlene Erdnüsse in den Drink. Das schlechte Gewissen plagt ihn nach dieser Tat im Affekt nicht gerade - dafür beginnt es ihn zu gruseln, als plötzlich via E-Mail und SMS anonyme Botschaften bei ihm eintreffen: Wir wissen, was du getan hast. Direkt gefolgt von: Wir sind bereit, dich zu sponsern, wenn du damit weitermachst.

An dieser Stelle kommt, wenn man so will, der einzige Genre-Aspekt ins Spiel - wenn auch nicht Science Fiction, sondern allenfalls Mystery. Wer ist es, der Dave auf potenzielle Opfer ansetzt? Eine Geheimorganisation? Das Internet selbst, das sich mit seiner Hilfe von lästigen Phänomenen säubern will? Er selbst jedenfalls nennt seine Sponsoren fortan die Killuminati und eine mysteriöse maskierte Frau, die ihm gelegentlich bei seinen Taten beisteht, die Ninja.

Täter werden Opfer

Ironischerweise ist Dave den Schatten von Danielle immer noch nicht ganz los - seine nächsten Taten stehen alle indirekt mit ihr in Verbindung. Da wäre zunächst der Scammer Fast Eddy, der die Charity-Welle im Gedenken an Danielles Allergietod ausnützt, indem er falsche Spendenkonten einrichtet. Bastler Dave stellt ihm auf einem Extrem-Marathon eine ausgeklügelte Todesfalle. Oder die Trolle, die Guys neue Freundin mit Hasspostings bombardieren, einfach nur weil sie seine neue Freundin ist. Einer droht, ihr Haus in die Luft zu springen, ein anderer, sie mit einer Bierflasche zu vergewaltigen - Dave wird das alles postwendend und wortwörtlich in die Tat umsetzen.

Weitere Mitglieder im Monsterkabinett sind unter anderem eine Autorin erotischer Krimis, die für ihr Eigenmarketing eine skrupellose Politik der verbrannten Erde verfolgt (was mich sehr an das aktuelle Puppygate erinnert, siehe die beiden letzten Seiten dieser Rundschau). Oder ein 14-jähriges Mädchen, das Kampagnen organisiert, die jeden online vernichten, der Kritik am Teeniepopstar Harry Paperboy wagt. Woraufhin Dave Harry entführt und auf einen elektrischen Stuhl setzt, der sich beim ersten neuen Hasskommentar einschaltet: Ein Szenario, wie wir es aus Filmen von "Untraceable" bis "Saw" kennen ... und den Ausgang auch.

Loser Aufbau

Interessanterweise folgt "Haterz" nicht der Eskalationskurve, die man vielleicht erwarten würde, von harmlosen Aktionen bis zu immer brutaler werdender Gewalt. Stattdessen können auf kühl geplante Morde gänzlich gewaltlose Streiche folgen, in denen Dave als sympathischer Held rüberkommt. Auch steigert er sich nicht sukzessive in einen Wahn hinein: Selbstzweifel hat er von Anfang an, und er ist auch stets bereit, es zuzugeben, wenn eine Aktion unerwünschte Folgen zeigt oder mal ganz erfolglos bleibt. Wozu auch die Erfahrung gehört, dass Trolle per definitionem unbelehrbar sind.

Zum Teil mag dieser Aufbau James Goss' Vita geschuldet sein. Goss ist ein britischer Autor und TV-Produzent, der bislang für Serien wie "Doctor Who", "Being Human" und "Torchwood" gearbeitet hat. Vielleicht hat dies sein Denken soweit geprägt, dass "Haterz" den Charakter eines Episodenromans erhielt: Mit einem Story-Arc und Kapiteln, die sich mal mehr, mal weniger darauf beziehen - und auch einigen, die als abgeschlossene Kurzgeschichten komplett für sich allein stehen könnten. "Haterz" wirkt wie eine Mini-Serie mit wechselnder Schwerpunktsetzung. Was allerdings konstant bleibt und den Roman letztlich zusammenhält, ist der Humor. Und der ist spitze.

Spaß garantiert

It's funny what autocorrect tells you about yourself. I remember feeling a bit surprised the day my phone went for "fuck" not "dual". Oh dear, I thought, perhaps I should swear less in texts. I wonder if your average racist has that moment of self-realisation when their phone picks "scum" over "science". Daves Betrachtungen liefern reihenweise Zitierfähiges - großartig etwa die Beschreibung eines pompös angekündigten sozialen Netzwerks, das immer noch kaum jemand besuchen will, als the howling tundra of Google+. Oder eine treffende Beobachtung aus einem gentrifizierten Viertel Londons: In the centre of the plaza, two people drank coffee on a bench carefully designed to be comfortable to sit on for only ten minutes and absolute agony to try and sleep on.

Bei der Lektüre von "Haterz" wird man mehrfach laut auflachen - das ist ebenso garantiert wie der Schauder, der einen überkommt, wenn man die fiktiven Umtriebe mit ihren nicht minder scheußlichen realen Pendants vergleicht. Jeder Zeit ihr Buch. "Haterz" hätte das Zeug zum Bestseller - allerdings frage ich mich, ob es dafür im richtigen Verlag erschienen ist. Solaris ist ein Verlag für Science Fiction und Fantasy, und als solches werden seine Produkte auch wahrgenommen - selbst wenn sie, wie dieses Buch, eigentlich gar keine SF sind. Bei einer allfälligen Übersetzung ins Deutsche wäre Goss bei einem Mainstreamverlag vielleicht besser aufgehoben.

Trotz einiger Schwächen im Aufbau ist "Haterz" eine klare Kaufempfehlung. Mit Betonung auf der ersten Silbe, denn für Gratislesen hat Dave in seinem Manifest auch nichts übrig (und man will ja nicht riskieren, dass er einen daheim besucht): I won't bore you with any of the arguments about piracy. Hell knows, you're probably reading a pirated epub of this on your phone and thinking Thank God I didn't waste my money on this before passing this on to ten of your friends. Thanks. I hope your cock falls off.

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