Fischler: "Können uns nicht auf den Rest der Welt ausreden"

Interview21. April 2015, 13:56
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Der frühere EU-Kommissar Franz Fischler regt den Ausbau der EU-Botschaften in Nordafrika an

Der ehemalige EU-Kommissar Franz Fischler (ÖVP) präsentierte am Dienstag das Programm für das Europäische Forum Alpbach 2015. Am Rande der Pressekonferenz sprach er mit derStandard.at über die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer, aber auch über die Entwicklung der Universitäten in Österreich.

derStandard.at: Die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer beschäftigt sehr viele Menschen. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner hat nun vorgeschlagen, in Nordafrika Auffanglager zu schaffen, in denen die UNHCR prüfen soll, ob den Menschen der Flüchtlingsstatus zuerkannt wird. Eine gute Idee?

Fischler: Meiner Meinung ist das eine ziemlich theoretische Idee, denn die entscheidende Frage ist: Wer betreibt das? Wie das die Uno betreiben soll, ist fraglich. Man kann durchaus versuchen zu verhindern, dass alle zuerst einmal über das Meer fahren. Eine Möglichkeit wäre, in allen nordafrikanischen Ländern die EU-Botschaften auszubauen, um diese Erstansuchen dort zu bearbeiten. Wir können uns nicht auf den Rest der Welt ausreden. Das ist ein europäisches Problem.

derStandard.at: Das Problem der ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer steht schon lange auf der Agenda der EU. Warum gibt es dazu noch keine Lösung?

Fischler: Mich stört, wenn es heißt, das sei eine Frage, die die EU regeln muss, und wenn nicht dazugesagt wird, dass EU-Regelungen nur zustande kommen, indem die diversen Damen und Herren Minister der EU-Mitgliedsstaaten einer Regelung zustimmen. Daran hapert es in Wahrheit.

derStandard.at: Sie haben heute das Programm für das Forum Alpbach vorgestellt. Das Forum soll die ideale Universität simulieren – so der Gründungsgedanke vor 70 Jahren. Wie nah kommen die österreichischen Universitäten an dieses Idealbild heran?

Fischler: An der idealen Universität sind wir bei weitem nicht dran, weil wir es in Österreich bisher zu wenig verstanden haben, die moderne Massenuniversität so zu strukturieren, dass sie für Studenten attraktiv ist. Wir sind auch noch nicht sehr weit, wenn es darum geht, moderne Instrumente zur Wissensvermittlung zu nutzen. Fairerweise muss man aber sagen: Die österreichischen Universitäten müssen leider mit sehr, sehr wenig Geld auskommen. Ohne eine gewisse Ausstattung ist es unmöglich, einen modernen Universitätsbetrieb aufzuziehen. Investition in Bildung ist der Schlüsselfaktor für den wirtschaftlichen Erfolg in Zukunft. Aber das hat sich noch nicht in alle Ministerialsekretariate durchgesprochen.

derStandard.at: Aktuell soll auch im Bildungsministerium eingespart werden.

Fischler: Ich sehe vor allem die Notwendigkeit, dass man vor der Schule ansetzt und dort mehr investiert. Das betrifft nicht nur klassische Vorschulprogramme. Der entscheidende Faktor ist: Wie mache ich Kinder neugierig? Aus der Neugierde entwickelt sich der Antrieb, etwas zu lernen. Die Industriellenvereinigung setzt sich dafür sehr stark ein. Wir planen für das Forum Alpbach eine eigene Veranstaltung für Grundfragen des Bildungssystems, dazu gehört auch die Elementarpädagogik.

derStandard.at: Österreichs Universitäten haben größtenteils auf das Bologna-System umgestellt, das zum Ziel hat, den europäischen Hochschulraum zu vereinheitlichen. Ist diese Umstellung gelungen?

Fischler: Bologna ist ein Riesenfortschritt, weil die Studienprogramme untereinander vergleichbar werden. Ein Problem ist, dass es sich noch nicht so recht herumgesprochen hat, dass Bachelor ein akademischer Grad ist. Der Grad wird in der Wirtschaft manchmal eher als ein Nachsatz zur Matura verstanden. Die Absolventen werden auf dem Niveau eines Mittelschülers bezahlt. Hier gibt es noch einiges zu tun. Darüber hinaus müssten für Top-Leute mehr Postdoc-Programme angeboten werden. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 21.4.2015)

Franz Fischler (68), geboren in Absam, Tirol, war EU-Kommissar für Landwirtschaft, Entwicklung des ländlichen Raumes und Fischerei und ÖVP-Minister für Land- und Forstwirtschaft. Seit 2012 ist er Präsident des Europäischen Forums Alpbach.

  • Franz Fischler: EU-Regelungen kommen zustande, "indem die diversen Damen und Herren Minister der EU-Mitgliedsstaaten einer Regelung zustimmen. Daran hapert es in Wahrheit."
    foto: apa/epa/julien warnand

    Franz Fischler: EU-Regelungen kommen zustande, "indem die diversen Damen und Herren Minister der EU-Mitgliedsstaaten einer Regelung zustimmen. Daran hapert es in Wahrheit."

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