Netflix-Chef: Lineares Fernsehen so veraltet wie Faxgerät

21. April 2015, 10:58
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Klassisches Fernsehen laut Reed Hastings überholt - Kampf um Vorherrschaft wird über Originalinhalte ausgetragen

Vor wenigen Wochen beschäftigte "House of Cards" das Internet, zurzeit quellt das Netz mit "Game of Thrones"-Referenzen über: An den zwei Vorzeigeserien wird der Zweikampf zwischen HBO und Netflix sichtbar. Es ist ein schon jetzt legendäres Duell: Bereits 2013 sprach ein Netflix-Manager davon, dass seine Firma schneller HBO als umgekehrt werden müsse. Damals wurde das innerhalb der Branche noch mit Kopfschütteln quittiert, doch mittlerweile erweist sich die Aussage als prophetisch.

Originalinhalte entscheiden

Denn der Kampf um Zuseher respektive Nutzer wird zusehends über Originalinhalte ausgetragen. Netflix bietet 2015 in den USA ganze 320 Stunden an eigenproduzierten Inhalten an. Den "House of Cards"-Fehler, Rechte in anderen Ländern zu lizensieren, begeht der Videostreamer dabei nicht mehr. Neue Serien wie etwa "Daredevil" starten weltweit auf allen Netflix-Kanälen gleichzeitig. Auch HBO hat angekündigt, noch stärker auf eigene Inhalte zu fokussieren – hat aber mit dem genannten "Game of Thrones" und anderen Serien wie "True Detective" oder "Girls" schon viele Perlen im Angebot.

Netflix begrüßt Mitbewerber

Gleichzeitig begrüßt Netflix-Chef Reed Hastings den Einstieg von HBO in die Streaming-Branche. Neue Mitbewerber seien gut, da sie Kunden mit dem Prinzip des Streamings vertraut machen, so Hastings. Aber: "Die Ambitionen von HBO sind erst ernst zu nehmen, wenn (der Streaming-Dienst) HBO Now nur mehr HBO heißt, und HBOs Fernsehsender dann HBO linear", so Hastings zur New York Times. Er vergleicht das klassische, lineare – also chronologisch ausgestrahlte – Fernsehen mit einer Faxmaschine: "Einst sinnvoll und wunderbar, aber jetzt veraltet."

Positiver Kreislauf

Zurzeit befindet sich Netflix nach Ansicht von Analysten in einem sehr positiven Kreislauf: Mehr als 4.9 Millionen US-Kunden konnte der Videostreamer in den vergangenen Monaten gewinnen. Mehr Kunden bringen mehr Geld, womit mehr eigene Inhalte produziert werden können. Das bringt wiederum noch mehr Kunden – und so weiter und so fort. Netflix versucht dabei, individuelle Angebote für unterschiedliche Zielgruppen zu produzieren. Statt vielen Serien, die allen gefallen, soll es diverse Serien geben, auf die jeweils einzelne Schichten ansprechen.

Rache der Fernsehsender

Allerdings steht auch Netflix vor Problemen: Fernsehsender befürchten zusehends, dass sich die Werbebranche vom klassischen TV abwendet. Der 70-Milliarden-Dollar-Markt könnte schrumpfen. Darauf würden die TV-Sender wohl mit einer Art Bestrafung für Netflix reagieren und ihre Inhalte teurer an den Videostreamer verkaufen. Da viele Fernsehsender auch mit Filmproduktionen verbandelt sind, hätte das schwerwiegende Konsequenzen für das Netflix-Angebot. Auch dagegen sollen eigene Produktionen helfen. Vorerst kann sich der Videostreamer aber noch entspannen. (fsc, 21.4.2015)

  • Netflix-CEO Reed Hastings sieht keine Zukunft für klassisches Fernsehen
    foto: reuters/fuentes

    Netflix-CEO Reed Hastings sieht keine Zukunft für klassisches Fernsehen

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