Postler mit Messer attackiert: Prozess in Linz

20. April 2015, 17:59
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Staatsanwaltschaft beantragte Einweisung in Anstalt

Linz - Eine 43-jährige Frau, die im November des Vorjahres im Bezirk Urfahr-Umgebung einen Briefträger mit zwei Messerstichen schwer verletzt hatte, ist am Montag vor dem Landesgericht Linz gestanden. Die Staatsanwaltschaft beantragte einen Antrag auf Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.

Als der Zusteller am 20. November 2014 vor dem Haus der Frau in seinem Auto noch die Post sortierte, kam sie heraus und ging auf ihn zu. Hinter ihrem Rücken hatte sie ein Küchenmesser mit einer 14 oder 15 Zentimeter langen Klinge verborgen, schilderte Staatsanwalt Reinhard Steiner. Sie habe die Autotür aufgerissen und nach einem "Grüß dich, Briefträger" zweimal auf den Mann eingestochen. Einmal traf sie ihn am Hals und verfehlte die Schlagader nur knapp, der zweite Stich verletzte ihn am Rücken.

Dem Opfer gelang es zu flüchten. Während der Briefträger bei einem Nachbarhaus Hilfe suchte, verständigte die Frau selbst die Polizei. Warum sie die Tat verübt habe, fragte Richterin Petra Oberhuber: "Ich weiß es nicht." Vielleicht sei es ein Hilferuf gewesen, sie habe auffallen wollen, um von ihrem Mann wegzukommen. Dieser habe sie schlecht behandelt. U.a. beschuldigte sie ihn, an ihrer schweren Knieverletzung schuld zu sein. Offenbar wollte sie zu diesem Zeitpunkt lieber ins Gefängnis.

"Ich habe mir das so schön vorgestellt, eingesperrt sein. Dass man gar nicht raus kann, damit habe ich nicht gerechnet", sagte die 43-Jährige. Sie wolle nicht mehr zurück in die Nervenklinik, sie werde sich sonst etwas antun. "Den ganzen Tag hockt man dort im Eck." Sie komme sich vor wie ein eingesperrtes Tier. "Ich werde mir das mit der Messerstecherei, diese Flausen, abgewöhnen", beteuerte sie. Angst vor ihrem Mann habe sie jetzt nicht mehr. Er besuche sie jeden Tag.

Die 43-jährige leidet laut einem Gutachten an einer schizo-affektiven Störung. Sie war zum Tatzeitpunkt laut Sachverständiger zurechnungsunfähig. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung befürworten eine Unterbringung in einer Anstalt. Doch während die Anklagebehörde einen versuchten Mord als Anlassdelikt für die Einweisung sieht, liegt für den Verteidiger nur eine schwere oder absichtlich schwere Körperverletzung vor.

"Höchst pathogene Beziehung"

Die psychiatrische Sachverständige attestierte der 43-Jährigen Zurechnungsunfähigkeit und Gefährlichkeit, die nur mit einer konsequenten Behandlung in engem Setting abgebaut werden könne. "Die Gefahr für zukünftige Delikte mit schweren Folgen ist sehr hoch."

Die Betroffene, die bereits 20 stationäre Aufnahmen in der Nervenklinik hinter sich habe, sei "psychisch schwer krank". Sie leide an einer schizo-affektiven Störung, zum Tatzeitpunkt sei sie in einem psychotischen Zustand gewesen. Sie sei nicht planend vorgegangen. Ihr Realitätsbezug sei aufgehoben gewesen, sodass logisches Denken nicht möglich war.

"Ich würde die Tat als Explosion interpretieren", sagte die Gutachterin. Es sei vorher eine Verdichtung der Probleme eingetreten: Zu einer Knieverletzung sei noch das subjektive Gefühl gekommen, dass ihr niemand zuhöre. Es habe sich "innere Not" angesammelt, die kein Ventil gefunden habe. "Die Psyche hat das an dem Tag nicht mehr ausgehalten."

Die Sachverständige sprach sich auch für eine sozialarbeiterische Begleitung aus. Die "höchst pathogene Beziehung" der Betroffenen zu ihrem Gatten sei problematisch. "Es war nie klar, ob die Vorwürfe gegen ihren Mann wahnhaft sind, manipulativ (um Aufmerksamkeit zu erregen, Anm.) oder der Realität entsprechen." Bei früheren Spitalaufenthalten habe die Frau bei der Einlieferung öfter geschildert, dass es zu Hause so schrecklich sei, wenige Tage später habe sie heim zu ihrem Mann wollen.

Unterbringung beantragt

Am späten Nachmittag haben sich die Geschworenen zur Beratung zurückgezogen. Sie müssen entscheiden, ob die Attacke auf den Postler den Tatbestand eines Mordversuchs, einer absichtlich schweren oder einer schweren Körperverletzung erfüllt und ob die Betroffene zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig war. Ein Urteil wird für den Abend erwartet.

"Es ist unstrittig, dass sie die Tat gesetzt hat", sagte der Staatsanwalt in seinem Schlussplädoyer. Er beantragte die Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Für ihn ist die Anlasstat für diese Maßnahme ein Mordversuch. Der Verteidiger sieht eher eine Körperverletzung. Beide sind sich einig, dass die Betroffene - wie es auch ein Gutachten bestätigt - nicht zurechnungsfähig gewesen sei. (APA, 20.4.2015)

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