Russland-Krise: Leiden für Putin

Kommentar20. April 2015, 17:39
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Die Reserven des Kreml-Reichs schrumpfen in beängstigendem Tempo

Die Talsohle der Krise sei bereits durchschritten, meinte Wladimir Putin kürzlich. Eine interessante These: Vieles deutet nämlich darauf hin, dass der Einbruch der Realwirtschaft erst richtig beginnt. Neue Umfragedaten legen den Schluss nahe, dass sich die im ersten Quartal mit 2,9 Prozent BIP-Rückgang gemessene Rezession bis Juni beschleunigen und im Sommer ihre Höchstgeschwindigkeit erreichen wird. Immer fataler wird dabei die Situation für die Bevölkerung. Die Inflation bei Lebensmitteln liegt längst über 20 Prozent, Betriebe kürzen wegen der Flaute Personalstand und Gehälter.

Investoren zogen 2014 bereits 150 Milliarden Dollar aus Russland ab, ob sich der Trend 2015 verlangsamt, bleibt abzuwarten. Zwar bäumt sich der Rubel nach dem massiven Kursverfall wieder auf, er liegt aber rund ein Drittel unter dem Vorjahresstand. Die Reserven des Kreml-Reichs schrumpfen in beängstigendem Tempo. Der niedrige Ölpreis entpuppt sich als volkswirtschaftlicher Aderlass: Die Budgeteinnahmen sinken, Investitionen in die Öl- und Gasproduktion gehen zurück, und die Handelsbilanz darbt.

Jetzt rächt sich, dass Putin die Diversifikation der Wirtschaft schleifen ließ. In Kombination mit den Sanktionen und dem Kapitalabfluss trifft der Ölpreisverfall Kreml und Bevölkerung mit voller Wucht. Die zentrale Frage bleibt: Wie hoch ist die Leidensfähigkeit der Russen, die einen viel zu hohen Preis für die Krim-Annektion zahlen? (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 21.4.2015)

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