Pannengewehr: Deutsche Verteidigungsministerin unter Beschuss

21. April 2015, 07:00
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G36, das Standardgewehr der Bundeswehr, weist Mängel auf. Die Ministerin soll nicht schnell genug reagiert haben

Immerhin: Einer ist sehr zufrieden mit dem Sturmgewehr G36 des baden-württembergischen Herstellers Heckler & Koch. "Bei uns hat es keinerlei technische Probleme mit dem G36 gegeben. Im Gegenteil: Die Waffe ist super. Wir hätten gern mehr davon", sagte der Peschmerga-Minister Mustafa Sajid Kadir der Deutschen Presse-Agentur. Im Vorjahr hatte die deutsche Bundesregierung den Kurden im Nordirak gleich 8000 G36-Gewehre für ihren Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) geschenkt.

In Deutschland hingegen ist das Standardgewehr der Bundeswehr, von dem seit Mitte der 1990er-Jahre rund 170.000 Stück angeschafft wurden, ins Gerede gekommen. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Berichte, wonach das Gewehr Trefferprobleme aufweise, wenn es zu heiß wird - entweder durch extreme äußere Hitze oder aber auch, wenn es "heiß geschossen" wird.

"Nur eingeschränkt tauglich"

Im Sommer 2014 gab Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ein technisches Gutachten in Auftrag. Dessen Ergebnisse liegen jetzt vor, und in dem Bericht kommt Ernüchterndes zutage. "In fordernden Gefechten" sei das "präzise Bekämpfen des Gegners" nicht möglich, das G36 "für den Einsatz nur eingeschränkt tauglich" und "nicht in vollem Sinne einsatzreif", heißt es darin.

Schießtests hätten ergeben: Nach dem Verschuss von zwei Magazinen sei "ein gezieltes Treffen des Gegners nicht mehr zuverlässig gewährleistet" . Heiß geschossen sinke die Treffwahrscheinlichkeit des G36 auf 53 Prozent. Nur jedes zweite Geschoss erreichte das angepeilte Ziel, nach dem dritten Magazin war es nur noch jedes dritte.

Ruf nach Ersatzwaffen

Von der Leyen ist damit doppelt unter Zugzwang. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Hans-Peter Bartels (SPD) fordert Ersatz und erklärt: "Die Bundeswehr muss für das G36 ein neues Gewehr anschaffen." Auch Tobias Lindner, Verteidigungsexperte der Grünen, sagt: "Das Ministerium muss das G36 entweder zügig nachbessern oder als Ersatz ein neues Gewehr beschaffen." Das jedoch könnte sehr teuer werden.

Doch in Berlin ist nun nicht nur das Gewehr unter Beobachtung, sondern auch der Zeit- und Terminplan der Ministerin. Am Mittwoch soll sie persönlich im Verteidigungsausschuss erscheinen und dort Rede und Antwort stehen, warum sie die Überprüfung der Gewehre nicht schon früher in Auftrag gegeben hat. Ministerin für Verteidigung ist von der Leyen seit Dezember 2013.

"Die Ministerin hätte schon vorher wissen können, dass das Sturmgewehr erhebliche Probleme macht", sagt der außenpolitische Sprecher der Linksfraktion, Jan van Aken. Und der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold meint: "Ich frage mich, warum man die Probleme mit dem Sturmgewehr negiert hat. Gab es schützende Hände über die Firma Heckler & Koch?" In Berlin ist schon die Rede von einem Untersuchungsausschuss, sollte von der Leyen nicht aufklären.

"Keine Sachverständige"

Als unglücklich wird die Aussage von Leyen-Sprecher Jens Flosdorff gewertet. Der sagt über die Chefin: "Die Ministerin ist keine Sachverständige für Gewehre."

Empört ist die Firma Heckler & Koch. Sie führt die mangelhafte Treffsicherheit der Waffe auf fehlerhafte Munition zurück. Die Ursache für die massive Streuung der Schüsse liege in der "mangelhaften Zinnbeschichtung der Geschosse". Zudem mangle es einigen der Prüfer, die von der Leyen beauftragt hatte, an Kompetenz und an Unvoreingenommenheit. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 21.4.2015)

  • Bei einer Protestaktion in Stuttgart hält eine Demonstrantin eine Replik des Sturmgewehrs G36 von Heckler & Koch in der Hand. Die Waffe funktioniert laut Experten bei großer Hitze nicht einwandfrei.
    foto: apa/dpa/wolfram kastl

    Bei einer Protestaktion in Stuttgart hält eine Demonstrantin eine Replik des Sturmgewehrs G36 von Heckler & Koch in der Hand. Die Waffe funktioniert laut Experten bei großer Hitze nicht einwandfrei.

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