Leben im Land der blutroten Fahne

Reportage21. April 2015, 12:37
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Über den Völkermord zu sprechen ist zwar kein Tabu mehr, doch viele Armenier leben lieber diskret

Es ist immer "sie" und "wir", der Unterschied zwischen Mehrheit und Minderheit und das Verbrechen, das zwischen ihnen liegt. "Ich bin Armenierin", sagt die Nachbarin, als sie an der Tür läutet und den neuen Mieter begrüßt. Sie verwaltet die Angelegenheiten im Haus und sammelt das Geld für Strom und Wasser ein. Am Zafer bayrami, dem Tag des Sieges am 30. August, wenn die Türken ihren Unabhängigkeitskrieg feiern, hängt sie in dieser Gasse in Kadiköy die größte der blutroten Fahnen mit der Mondsichel aus dem Fenster. Sicher ist sicher. Einem türkischen Mieter würde sie sich niemals als Armenierin vorstellen. Die meisten im Viertel wissen es aber sowieso.

Vorlage für den Holocaust

100 Jahre liegt der Beginn des Völkermords nun zurück, der in der Türkei offiziell nur mit "die Ereignisse von 1915" umschrieben wird. Eineinhalb Millionen Armenier, so schätzen Historiker, sind damals, im zweiten Jahr des Ersten Weltkriegs, überall im Land zusammengetrieben und in langen Zügen quer durch Anatolien in die syrische Wüste zum Sterben deportiert worden. Die meisten kamen bereits auf dem Weg um, von Häschern erschlagen, verhungert oder an Krankheiten zugrunde gegangen. Der Genozid an den Armeniern gilt als Vorlage für den Holocaust an den Juden im Nationalsozialismus.

"Die ganze Aktion gegen die Armenier wurde so geheim durchgeführt, dass die österreichisch-ungarische Botschaft sowie die anderen fremden Vertretungen in Konstantinopel erst im Spätsommer 1915 etwas hiervon erfuhren", behauptete Joseph Pomiankowski, damaliger k. u. k. Militärattaché, in seinen 1928 erschienen Memoiren. "Details sowie die ganze schreckliche Wahrheit hörten wir erst nach und nach viel später." Nur eine frühe Drohung der USA mit einem Kriegseintritt hätte die Regierung der Jungtürken von dem Mord an den Armeniern abhalten können, so schrieb der Offizier entschuldigend.

60.000 Armenier in Türkei

Am 24. April 1915 ließ die Regierung die Führer der armenischen Gemeinschaft in Istanbul verhaften. Es war das Zeichen für den Beginn des Völkermords. 40 Prozent der Bewohner Istanbuls und etwa ein Viertel der Bevölkerung Anatoliens waren Anfang des vergangenen Jahrhunderts Nichtmuslime. Heute leben noch um die 60.000 Armenier in der Türkei, nicht einmal ein Tausendstel der Gesamtbevölkerung, die meisten von ihnen am Bosporus. Etwa 25.000 Juden, 10.000 assyrische Christen und drei- bis viertausend Griechen sind von der alten, nichtmuslimischen Gesellschaft im Osmanischen Reich auf dem heutigen Gebiet der Türkei übriggeblieben.

Versteckte Identität

Die armenische Gemeinschaft in der Türkei ist heute gespalten. Der eine Teil lebt diskret. "Wir sprechen Armenisch, wenn wir etwas Vertrauliches zu bereden haben", sagt eine junge Frau, die bei ihren Eltern wohnt. Es gibt armenisches Satellitenfernsehen zu Hause, zwei Kanäle, eher nur für die religiösen Feiertage, und die türkisch-armenische Wochenzeitung Agos . "Wir lieben unsere Kultur, aber es macht eigentlich keinen großen Unterschied", versichert die junge Istanbulerin. Den Familiennamen hat schon der Großvater türkisiert, der Vater ist ein kleiner Händler, der Staatsdienst bleibt der armenischen Minderheit in der Praxis verwehrt. Nur manchmal gibt es Probleme mit den Nachbarn, und dann sucht sich die Familie lieber wieder eine neue Wohnung.

Der andere Teil der Armenier in der Türkei versteckt seine Identität nicht, schreibt, geht demonstrieren, zeigt sich. Armenier kandidieren bei den kommenden Parlamentswahlen - Markar Esayan, Kolumnist beim islamischen Boulevardblatt Yeni Safak, für die Regierungspartei; Selina Özuzun Dogan, Ehefrau des Dink-Anwalts Erdal Dogan und selbst Anwältin, für die Sozialdemokraten. Vor acht Jahren ist Hrant Dink, der türkisch-armenische Publizist und Gründer von Agos, erschossen worden. Der Mörder wurde gefunden, wirklich aufgeklärt ist der Fall noch immer nicht. Aber das Klima hat sich seither gewandelt: Die Armenier und der Genozid sind kein Tabu mehr.

Anerkennung im Ausland

"Sie müssen dort bleiben, sie sind die, die unser Erbe in Istanbul und Anatolien verteidigen", sagt Maria Titizian, Ex-Politikerin und Redaktionsleiterin bei Civilitas, einer Medien-NGO in Eriwan, über die Armenier in der Türkei.

21 Länder haben den Völkermord bisher anerkannt. In Österreich arbeiten derzeit alle sechs Parlamentsparteien an einer gemeinsamen Stellungnahme. Auch in Deutschland wollen Christdemokraten (CDU/CSU) und Sozialdemokraten (SPD) die Massaker an den Armeniern nun als Völkermord bezeichnen. Die Fraktionsspitzen legen ihren Abgeordneten dazu heute, Dienstag, einen Formulierungsvorschlag vor, teilte Unions-Fraktionsvize Franz Josef Jung mit. Zunächst war in dem Text der Begriff Völkermord mit Rücksicht auf die Beziehungen zur Türkei vermieden worden. (Markus Bernath, DER STANDARD, 21.4.2015)

  • Istanbul 2014: Gedenken an die armenischen Opfer des Genozids von 1915 und an Armenier, die in der heutigen Türkei ermordet wurden.
    foto: ap/berza simsek

    Istanbul 2014: Gedenken an die armenischen Opfer des Genozids von 1915 und an Armenier, die in der heutigen Türkei ermordet wurden.

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