Quinoa: Vom Kraut des Teufels zur Modespeise

3. Mai 2015, 08:00
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Schon die Inkas schätzten die Quinoa, doch mit der spanischen Eroberung wurde die alte Kulturpflanze geächtet

Die drohenden, schwarzen Regenwolken sind über Don Flavio Garras Hütte in den peruanischen Anden hinweggezogen. Der lang ersehnte Moment ist gekommen. Der 78-jährige Patriarch nickt, und innerhalb kürzester Zeit ist die ganze Familie auf den Beinen: Frau, Kinder, Enkel, Schwiegersöhne. Gemeinsam marschieren sie auf das kleine Feld, das unterhalb der Hütte im Tal von Quivilla in satten Rot-, Braun- und Beigetönen leuchtet. Es ist die erste Quinoa-Ernte seit Jahrzehnten.

Die Garras sind eine typische Bauernfamilie des peruanischen Hochlandes: vier Hektar Land, bepflanzt mit Hafer, Erbsen, Kartoffeln, Kürbissen, Bohnen und Mais; fünf Kühe, ein paar Schweine, ein Schaf, Hühner und 20 Meerschweinchen. Ihr Hof liegt ein paar Kilometer außerhalb des Dorfes Quivilla auf einer Anhöhe. Eine einsame, vergessene Gegend am Ende einer Schotterpiste - und dann eine halbe Stunde Fußweg den steilen Berg hinauf. Wie überlebt man auf 3300 Metern Höhe nur von dem, was das steinige, steil abfallende Land hergibt?

Die Inkas wussten darauf eine Antwort, denn die kapriziöse Geografie zwang sie dazu. Der Rest Perus ist Wüste oder Dschungel. So bauten sie Terrassen und Bewässerungskanäle, züchteten Lamas, die domestizierte Form der wilden Guanakos, und Meerschweinchen. Sie verfeinerten durch gezielte, genetische Auswahl das Andengras zu Quinoa, bauten Kiwicha, Chocha, Oca und Olluca an - lauter nahrhafte, resistente andine Lupinen- und Knollengewächse.

foto: reuters/david mercado
Quinoa stellt geringe Ansprüche an den Boden. Sie gedeihen auch, wenn wenig Wasser im Boden vorhanden ist.

Empfindliches Ökosystem zerstört

Die spanische Eroberung war ein traumatischer Einschnitt. Die Eroberer rissen sich nicht nur Gold und Silber unter den Nagel, sondern verboten auch den Anbau des "einheimischen Teufelszeugs" und zwangen die unterworfenen Bauern dazu, Kühe zu halten und Weizen anzubauen. Das empfindliche Ökosystem der Anden hielt dem nicht stand, die Böden erodierten, die Bauern versanken in Armut.

Ein Teufelskreis setzte ein: Die Landflucht begann, die Bauern konnten die wachsende Stadtbevölkerung nicht mehr versorgen, und die Politiker schlossen Freihandelsverträge, von denen vor allem die Importeure billiger, subventionierter Lebensmittel aus den USA profitierten. Quinoa war eine Notlösung, die viele Bauernfamilien vor dem Verhungern rettete. Sie war ein Armeleuteessen, berichtet Garra.

Auch er geriet in den Teufelskreis. "Die Böden gaben immer weniger her, und ich musste teuer Dünger und Pestizide kaufen", sagt er. "Doch das laugte den Boden noch mehr aus." Alle Bauern taten dasselbe, und wenn er die Ernte auf den Markt brachte, gab es dafür nur wenig Geld. Garra war verzweifelt. Als die Agroingenieure der von Brot für die Welt unterstützten Hilfsorganisation Diaconia vor fünf Jahren in Quivilla die ersten Landwirtschaftskurse anboten, sah er das als letzte Chance und ging die eineinhalb Stunden zum Schulungsort zu Fuß.

foto: ap photo/juan karita
Seit 6000 Jahren ist Quinoa in einigen Ländern Südamerikas ein Hauptnahrungsmittel.

Hoher Nährstoffgehalt

Garra hatte in seiner Kindheit Quinoa gegessen. Doch seine Eltern hörten irgendwann auf, die proteinhaltige Andenhirse anzubauen. Es dauerte lange, bis sich die misstrauischen Bauern überzeugen ließen, es erneut mit Quinoa zu versuchen. Heute ist Garra begeistert: "Wenn man das Feld bewässert, kann man zweimal pro Jahr ernten", rechnet er vor. Deshalb baut er gerade ein Reservoir für Regenwasser. "Nächstes Jahr will ich doppelt so viel Quinoa anbauen", verkündet der alte Mann.

Denn die Andenhirse ernährt nicht nur die Familien, sondern sie ist inzwischen als "Wunderkorn der Anden" zum begehrten Lifestyleprodukt und Exportschlager geworden. Die Nachfrage ist in den vergangenen zehn Jahren um das 18-Fache gestiegen. Seit peruanische Starköche traditionelle Andengewächse salonfähig gemacht haben und seit die Nasa Quinoa wegen des hohen Nährstoffgehaltes als Astronautennahrung einsetzt, ist der Preis explodiert.

Zehn Soles (umgerechnet 2,60 Euro) bekommen die Bauern pro Kilogramm; für die schwarze Gourmet-Quinua sogar ein bisschen mehr. Das ist zehnmal so viel wie für Kartoffeln, fünfmal mehr als für Mais. "Die Quinoa ist unser größter Schatz, wir wussten es nur nicht", sagt Garra. (Sandra Weiss aus Peru, DER STANDARD, 3.5.2015)

Hinweis: Die Reportage ist auf einer Recherchereise für Brot für die Welt entstanden.

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