Korea: Paradies im Niemandsland

30. April 2015, 07:00
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Die demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea ist die letzte Bastion unberührter Natur auf der Halbinsel

Auf Satellitenbildern fällt der breite Grünstreifen ganz besonders ins Auge, der die koreanische Halbinsel zwischen den grauen Betonmassen der Metropolregion Seoul und den gerodeten Ödlandflächen Nordkoreas entzweiteilt: die demilitarisierte Zone. Als Bill Clinton sie im Jahr 2003 von einem Observatorium aus überblickte, nannte er sie "den furchteinflößendsten Ort der Welt". Tatsächlich ist der Todesstreifen entlang des 38. Breitengrads für Menschen einer der gefährlichsten Landstriche überhaupt. Für die Pflanzen- und Tierwelt gibt es jedoch auf der ganzen koreanischen Halbinsel keinen derart paradiesischen Rückzugsort.

Der renommierte Autor Alain Weisman, der in seinem Bestseller Die Welt ohne uns ein Szenario von einer von Menschen verlassenen Welt entwirft, schreibt etwa über die demilitarisierte Zone, sie sei "unfreiwillig zum wichtigsten Wildreservat der Welt geworden". Alle nur erdenklichen Arten von Ökosystemen ließen sich auf den 600 Quadratkilometern finden. Wenn man sich den Planeten vorstellen wollte, nachdem die Menschheit verschwunden ist, dann müsse man sich nur die Landesgrenze zwischen Nord- und Südkorea anschauen.

foto: ap/wong maye-e
Nordkoreanische Soldaten bewachen den Zugang zur demilitarisierten Zone.

Bedrohte Säugetiere finden Lebensraum

Allein ein Drittel aller Mandschurenkraniche - die seltensten ihrer Art - hängen auf ihrer Reise Richtung Süden von den Sumpfgebieten innerhalb der demilitarisierten Zone ab, in der sie aus Sibirien und der Mongolei kommend einen Zwischenstopp einlegen. Mehr als 100 Fischarten leben in den dortigen Seen, rund tausend Spezies von Insekten, 45 Amphibien- und Reptilienarten. Viele vom Aussterben bedrohte Säugetiere können hier überdauern, darunter der seltene chinesische Goral, Asiatische Schwarzbär und Moschushirsch.

Mehr als zwei Drittel aller Pflanzen- und Tierarten, die man überhaupt auf der koreanischen Halbinsel finden kann, leben auf dem von Stacheldraht eingezäunten Sperrgebiet. Die demilitarisierte Zone ist wie ein Kondensat der koreanischen Natur, bevor die Industrialisierung einsetzte. Selbst Berichte von sibirischen Tigern und Amurleoparden, die auf den Hügeln der demilitarisierten Zone umherstreifen, kursieren, auch wenn stichhaltige Beweise dafür bislang ausbleiben.

Das hängt vor allem mit dem Wesen der demilitarisierten Zone zusammen: Alle wissenschaftlichen Studien über deren Artenvielfalt müssen zwangsläufig von den Randgebieten durchgeführt werden. Kein Mensch kann die demilitarisierte Zone ohne Todesgefahr betreten. Dafür sorgen allein schon die 1,8 Millionen Landminen.

foto: apa/epa/jeon heon-kyun
Das unbewohnte Gebiet bietet unberührten Lebensraum für viele Tierarten wie den Kranich.

248 Kilometer lange Pufferzone

Von 1950 bis 1953 tobte ein blutiger Bürgerkrieg zwischen dem kommunistischen Norden und dem kapitalistischeren Süden. Mehr als drei Millionen Opfer forderte diese dunkle Epoche koreanischer Geschichte. Die Sinnlosigkeit des Kriegs wurde nicht zuletzt auf besonders anschauliche Weise durch die sich immer wieder verschobenen Grenzen symbolisiert: Am Ende pendelte sie sich entlang des 38. Breitengrads ein, der Ausgangslage des Kriegs. Hier entstand eine 248 Kilometer lange Pufferzone, die die beiden verfeindeten Staaten seither trennt. Formell dauert der Koreakrieg noch immer an, denn ein Friedensvertrag wurde nie unterzeichnet.

Die prekäre Situation lässt sich immer wieder an einzelnen Eruptionen beobachten, und oft bedrohen sie auch die friedliche Existenz der Tierwelt. 1974 etwa wurden mehrere Einfallstunnel von Nordkorea unter der demilitarisierten Zone entdeckt.

25 Jahre später gab das südkoreanische Verteidigungsministerium zu, intensiv chemische Kampfstoffe wie Agent Orange innerhalb der demilitarisierten Zone versprüht zu haben. Um klare Sicht auf das Feindesland zu haben, werden immer wieder Wälder an den Randflächen gerodet. Auch große Waldbrände geraten immer wieder außer Kontrolle. Im Jahr 2000 etwa brannten auf nordkoreanischer Seite mehr als 360.000 Quadratmeter Land nieder, insgesamt detonierten durch das Feuer 703 Landminen.

foto: apa/epa/jeon heon-kyun
Das Areal ist 248 Kilometer lang und ungefähr vier Kilometer breit.

Nachhaltiger Tourismus

Längst hat sich jedoch das Bewusstsein für die Wichtigkeit als Naturreservat verankert. Dessen größte Bedrohung ist mittlerweile die urbane Ausbreitung der Metropolregion Seoul, in der bereits mit mehr als 25 Millionen Menschen rund die Hälfte aller Südkoreaner lebt. Von der Vogelperspektive aus betrachtet schaut fast der gesamte, dicht besiedelte südliche Teil der koreanischen Halbinsel wie ein überkandidelter Weihnachtsbaum aus - im starken Kontrast zum finsteren Norden.

Jahrzehntelang hat Südkorea eine 15 Kilometer breite Pufferzone zur demilitarisierten Zone aufrechterhalten, die jedoch mit zunehmender Entspannung der militärischen Lage schwindet. Die Grenzstadt Paju etwa ist trotz der Nähe zu Nordkorea in den vergangenen zehn Jahren auf das doppelte ihrer Größe angewachsen. Auf nordkoreanischer Seite ist der Industriekomplex Kaesong entstanden, auf dem 30.000 nordkoreanische Arbeitskräfte für südkoreanische Firmen arbeiten.

Gleichzeitig jedoch versucht die südkoreanische Regierung, die demilitarisierte Zone verstärkt im Bereich für nachhaltigen Tourismus anzusiedeln. Bereits jetzt reisen 1,2 Millionen Menschen jedes Jahr an die Grenze, darunter rund 20 Prozent aller ausländischen Touristen. Die meisten kommen wegen der Historie an den Grenzstreifen, doch schon heute haben sie die Möglichkeit, auf insgesamt 545 Kilometer langen Wanderwegen die Natur dieses einmaligen Flecken Erde kennenzulernen. "The Road to Peace and Life" wurde der Ökopark von der koreanischen Tourismusbehörde getauft. Bislang ist das jedoch nur Rhetorik. (Fabian Kretschmer, DER STANDARD, 28.4.2015)

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