Die Stadt als Bergwerk

30. April 2015, 15:01
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Die Bauwirtschaft entdeckt Recyceln von Abbruchmaterial, das größte Wiener Projekt wird kommendes Jahr fertiggestellt

Die Zementfabrik in Kaltenleutgeben wurde 1995 stillgelegt. 16 Jahre stand die Produktionsstätte von Lafarge-Perlmooser leer, ehe sie 2012 abgerissen wurde. An ihrer Stelle entstehen nun, mitten im Wienerwald, 450 Wohnungen. Es handelt sich um ein Kooperationsprojekt der vier Wohnbauträger Wien Süd, Familienwohnbau, Österreichisches Siedlungswerk (ÖSW) und Wohnbauvereinigung der Privatangestellten (WNV-GPA). Die Fertigstellung ist für 2016 geplant. Der wildromantische Name des Projekts - "Waldmühle" - soll die industrielle Nutzung von anno dazumal vergessen machen.

Tatsächlich aber lebt das Zementwerk in den Straßen, Gehwegen und neuen Hausmauern der "Waldmühle" weiter. Denn mehr als zwei Drittel des Bauschutts wurden an Ort und Stelle mithilfe von Brechanlagen und Sensoren zerkleinert, zermahlen, analysiert, sortiert und in den Rohstoffkreislauf rückgeführt. Dank des Recyclings von Stahl und 180.000 Tonnen sortenreinen Betons konnte der Abtransport des Abbruchmaterials drastisch gesenkt werden: Statt der sonst benötigten 30.000 Lkw-Fahrten mussten die bereiften Straßengiganten 10.000 fahren. Eine Reduktion um 66 Prozent, immerhin.

"Das Abbruchmaterial abzuführen wäre ein unglaublicher Aufwand gewesen", sagt Michael Gehbauer, Geschäftsführer der WBV-GPA. Wo es möglich ist und sinnvoll erscheint, ist Urban Mining daher nicht nur ein ökologischer, sondern auch ein wirtschaftlicher Faktor. Durch den Wegfall von Schuttentsorgung und nicht zuletzt durch die Einsparung von Baumaterial, rechnet Stephan Langmann, Projektentwickler beim ÖSW sowie Geschäftsführer der Waldmühle Betreuungs GesmbH, vor, konnten rund zwei Millionen Euro eingespart werden. "Durch Ansätze wie diese wird sich langfristig die gesamte Bauwirtschaft verändern", so Langmann.

Kolosseum ein berühmtes Beispiel

Der Wiedereinsatz anthropogener Stoffe beziehungsweise "Urban Mining", wie der städtische Abbau von Rohstoffen aus Abbruchhäusern genannt wird, ist nicht neu. Das vielleicht berühmteste urbane Rohstoffbergwerk der Geschichte ist das Kolosseum in Rom. Im Mittelalter und sogar bis in die Zeit der Renaissance und des Barock wurde das Amphitheater als Steinbruch für die Bauten des Klerus und des herrschenden Adels genutzt. Die Folgen prägen die Sehenswürdigkeit.

In Wien ist aus jüngster Zeit der alte Südbahnhof als städtische Mine verbucht. Auf dem gesamten Bahnhofsareal waren 1,7 Millionen Tonnen Baumaterial gebunden, darunter etwa 500.000 Tonnen Beton und 25.000 Tonnen Metall. "85 Prozent des gesamten Bauschutts konnten recycelt und in anderen Bauvorhaben wiederverwendet werden", erinnert sich ÖBB-Architektin Elke Krammer, die für den Abbruch des Bahnhofs verantwortlich war. "Bloß 15 Prozent des Schutts mussten wir als Sondermüll abtransportieren." Das sei ein für Nachkriegsbauten geradezu vorbildlicher Wert, so Krammer.

Ressourcen sichtbar machen

Besonders begehrt sind - neben Beton - Metalle wie Eisen, Zink, Blei, Kupfer und Aluminium. Und davon gibt es in der heutigen Architektur eine Menge. In einer 100 Quadratmeter großen Wohnung, verrät der 3sat-Dokumentarfilm Die Stadt als ewige Rohstoffquelle, ist heute die Metallmenge von durchschnittlichen sieben Pkws verbaut. Das Metall aus dem Verband zu lösen ist zwar begehrt, aber aufwendig und teuer.

Ein Ressourcenkataster, der an der TU Wien entwickelt wurde, soll die Ressourcen künftig sichtbarer und greifbarer machen. "Vielleicht sieht das Gebäude der Zukunft völlig anders aus als diejenigen, die wir heute bauen", sagt Hans Daxbeck, Geschäftsführender Obmann der Ressourcen Management Agentur (RMA). "Heute sind in einem Haus viele hunderte Stoffe verbaut. Vielleicht schaffen wir es, Häuser zu bauen, die nur aus zehn oder 15 unterschiedlichen Stoffen bestehen." Das Rezyklieren der Baumaterialien, das Anwenden des sogenannten Cradle-to-cradle-Prinzips, wäre damit dann deutlich einfacher.

Österreich als Vorreiter

Zwölf Prozent des Rohstoffbedarfs werden heute bereits aus Recyclingmaterialien der Stadt gewonnen. Österreich, Deutschland und die Schweiz sind die europäischen Vorreiter, wenn es um das Ausschöpfen der urbanen Minen geht. In Wien werden 85 Prozent, in Zürich sogar 90 Prozent des Abbruchmaterials aus dem Hoch- und Tiefbau wiederverwendet. Damit sind die EU-Vorgaben, die vorsehen, bis zum Jahr 2020 siebzig Prozent des Abbruchvolumens in Form neuer Baustoffe zu verwerten, schon heute übererfüllt.

Im November 2015 findet in Dortmund der 6. Internationale Urban Mining Kongress statt. Nur wenige Monate später wird man sich in Wien-Liesing ein Bild davon machen können, wie die Lafarge-Perlmooser-Zementfabrik in Kaltenleutgeben ihr Leben nach dem Tod weiterfristet und auf diese Weise dazu beigetragen hat, die ökologischen Schattenseiten ihrer jahrzehntelangen Existenz mittels Urban Mining wiedergutzumachen. (Von Wojciech Czaja, DER STANDARD, 28.4.2015)

  • Aus Alt mach Neu: Urban Mining, also die Verwendung von Bauschutt, spart Rohstoffe.
    foto: waldmühle rodaun

    Aus Alt mach Neu: Urban Mining, also die Verwendung von Bauschutt, spart Rohstoffe.

  • Zwei Drittel des Schutts einer Zementfabrik werden bei dem Bau der Waldmühle verwertet.
    foto: waldmühle rodaun

    Zwei Drittel des Schutts einer Zementfabrik werden bei dem Bau der Waldmühle verwertet.

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