Neue Deutsche Welle: Falsches Gold und andere Fehlfarben

21. April 2015, 12:10
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Die 50 Titel umfassende Veröffentlichung "Aus grauer Städte Mauern" ist der erste Teil einer auf vier Teile konzipierten Rückschau auf die NDW

Wien - Es sind drückende Klischees, die beiseitegeräumt gehören, um sich den Kopf für die Neue Deutsche Welle (vorurteils)freizumachen. Schließlich wurde das Thema schon seinerzeit auf Bravo-, K-Tel- und Rennbahnexpress-Niveau ausgeschlachtet, sodass selbst interessierte Zeitzeugen Völlegefühl und Brechreiz ereilten. Denn es war nicht alles Gold, was damals aus dem Rhein geschürft wurde, selbst wenn es sich vermessen Rheingold nannte.

Kaum waren die übelsten Ausgeburten des NDW-Kommerzes ausgestanden, folgte das erste Revival, die "Wickie, Slime & Paiper"-Kiste schloss nahtlos an, Nostalgieshows von und mit Ahnungslosen sowie in die Breite gegangenen Untoten von ehedem besorgten den Rest. Die Neue Deutsche Welle war bald das Klassentreffen, das man niemals zu besuchen geschworen hatte.

Doch es geht anders. Aus grauer Städte Mauern heißt die erste, 50 Titel umfassende Veröffentlichung einer auf vier Teile konzipierten Rückschau auf die NDW. Sie stammt aus dem Hause Bear Family, und das vergütesiegelt. Die Archäologen dieser deutschen Labelfamilie buddeln besonders tief, legen mit Liebe frei, was unter der Oberfläche schlummert. Dementsprechend fällt diese Kompilation aus.

Anders als die den Markt dominierenden Sampler geht es Aus grauer Städte Mauern vordergründig darum, die Vielfalt und die Bedeutung des Genres aufzubereiten. An manchen Musikerinnen und Bands führt kein Weg vorbei, deshalb sind Ideal, Nena, Fehlfarben, D.A.F. oder die den Ballermann weissagenden Extrabreit natürlich vertreten. Muss ja.

Doch daneben stehen schräge experimentelle Acts, vergessen geglaubte Eintagsfliegen und (geniale) Dilettanten, die ebenfalls jenem Milieu zuarbeiteten, aus dem das Verständnis für deutsche Popkultur gewachsen ist, wie wir es heute kennen. Dass sich Deutschland in den 1990ern Hip-Hop getraut hat, ging nur, weil schon einmal gezeigt worden war, man muss nur wollen.

"Weil i di mog"

Die Zäsur des Punk und seine Ausläufer ließen in den späten 1970er-Jahren vornehmlich die westdeutsche Jugend aufhorchen. Doch anstatt bloß weiter zu kopieren, was in England oder den USA passierte, verstand man den Ansatz von Punk und adaptierte angloamerikanische Trends verwegen in deutscher Sprache. Diese gilt als wenig groovy, doch aus diesem Defizit generierte ein Gutteil der NDW ihre Originalität. Gleichzeitig tat sich die Nachbarschaft zum deutschen Schlager als Front auf, und sogar die Mundart witterte Morgenluft. Das ist hart und eine historische Herausforderung, aber genau deshalb sind Relax mit Weil i di mog in all ihrer Kläglichkeit hier ebenfalls abgebildet.

Denn ja, der Weg zum deutschen Pop-Selbstverständnis war steinig und voller Ausrutscher, aber er wurde gegangen und zeitigte Prächtiges wie Wunderliches: Beinahschlager von Mythen in Tüten mit Liebe im Funkhaus, Experimentelles wie Alexander von Borsig mit Hiroshima oder höherer Unfug von Fee (Schweine im Weltraum), Der Plan (Da vorne steht ne Ampel) oder Foyer des Arts (Wissenswertes über Erlangen).

Die Musik galt als frech und schrill, und im Vergleich dazu ist manch deutsche Punkband von heute tatsächlich übelstes Neobiedermeier. Manche betraten gar musikalisches Neuland und setzten Zeichen, die international wahrgenommen wurden. Etwa die Krupps mit dem heute aktueller denn je seienden Lied Wahre Arbeit, Wahrer Lohn, das als ein Blueprint für die Electronic Body Music gilt.

Und auch das graue Österreich ist vertreten. Die Erste Allgemeine Verunsicherung mit Ba-Ba-Banküberfall sowie die berechnenden DÖF mit Codo (... düse im Sauseschritt). Wieder müssen wir uns einem dunklen Kapitel unserer Vergangenheit stellen. (Karl Fluch, DER STANDARD, 21.4.2015)

  • Die Berliner Punk-Band PVC Ende der 1970er. Der Krieg war kalt, die Mauer hoch. Aus der Eingemeindung von englischsprachigem Punk und New Wave entstand die Neue Deutsche Welle.
    foto: bear family

    Die Berliner Punk-Band PVC Ende der 1970er. Der Krieg war kalt, die Mauer hoch. Aus der Eingemeindung von englischsprachigem Punk und New Wave entstand die Neue Deutsche Welle.

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