"Big Eyes": Große Augen, großes Schauspiel

21. April 2015, 05:30
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Tim Burton widmet sich in seinem jüngsten Film der wahren Geschichte eines naiven Genies, der US-Malerin Margaret Keane. Christoph Waltz stiehlt dieser aber in der Rolle von Ehemann Walter auch im Kino die Show

Wien - Ein Bild von Margaret Keane ist leicht zu erkennen. Es starrt einen mit so großen Augen an, dass alles drumherum, die Gesichter, die Komposition, die Farben, vergleichsweise unbedeutend wird. Die 1927 in Nashville geborene Malerin hat mit den großen Augen ein Alleinstellungsmerkmal, über das sie allenfalls mit Mangazeichnern streiten müsste - aber das ist eine ganz andere Welt.

Die Kunstkritiker haben ihre Arbeit nie ernst genommen, dafür ist sie beim Publikum sehr beliebt. Ein klassischer Fall, an dem sich die komplizierten Kriterien aufweisen ließen, auf denen der Begriff von Kunst beruht. Aber darum geht es Tim Burton in seinem Film Big Eyes nicht. Er erzählt die Geschichte von Margaret Keane aus einem anderen Grund. Er sieht in ihr eines jener naiven Genies, für die er so großes Verständnis aufbringt. Sie steht für ihn in einer Traditionslinie, zu der auch Ed Wood gehört: eine populäre amerikanische Kunst, die keine Theorie braucht, sondern liebevolle Zuwendung, in die sich ein leichtes Unbehagen mischen kann. Denn die großen Augen sind ja auch unheimlich.

Der Kern von Big Eyes ist die Geschichte einer Emanzipation. Alles beginnt mit einer Frau, die ihren Mann verlässt: Margaret (Amy Adams) macht sich samt Tochter auf den Weg und landet in Kalifornien in den späten 1950er-Jahren. Keine gute Zeit für eine alleinerziehende Mutter, die sich bei sittenstrengen Firmenpatronen vorstellen muss. Bevor die Sache richtig schwierig wird, trifft sie schon wieder einen Mann.

Walter hat die gleiche Leidenschaft, auch er ist Maler, er erzählt gern von seinen Studien und Paris und von den erschütternden Bildern, die er nach dem Krieg in Berlin gemalt haben will. Walter hat Margaret ein wesentliches Talent voraus: Er ist ein geborener Verkäufer, ihm ist gegeben, die Menschen, vor allem die Frauen, so richtig einzuwickeln.

Für Christoph Waltz ist dieser Walter eine zwiespältige Traumrolle. Denn einerseits kann er so richtig glänzen, andererseits wird schnell einmal unklar, wer hier schließlich des Guten deutlich zu viel will: der Charmeur Walter oder der Ironiker Waltz. So nimmt diese Figur immer wahnwitzigere Züge an, zumal Walter immer stärker in die Defensive gerät. Er überredet Margaret nämlich, ihre Bilder unter seinem Namen auf den Markt zu bringen, und je größer der Erfolg der "großen Augen" wird, desto schwieriger wird es, den Anschein zu wahren. Zumal Margaret es nicht länger mit einem Malsklavendasein bewenden lassen will.

Fest der Ausstattung

Für Tim Burton gibt es in Big Eyes viele Motive und Details, von denen man schon aus seinem bisherigen Werk weiß, dass er dafür eine Vorliebe hat: Die Periode der amerikanischen konsumkulturellen Modernisierung, zu der übrigens auch der Craze um die Big-Eyes-Bilder selber zählt, lässt sich in Kalifornien besonders gut nachvollziehen. So ist dieser Film nicht zuletzt ein Fest der Ausstattung (das Haus der Keanes!), der Kostüme, der zeitgenössischen Moden. Dahinter verbirgt sich ein gewichtiges Thema, das allerdings dem komödiantischen Ton zum Opfer fällt, den vor allem Waltz anschlägt. Man könnte beinahe sagen: Er stiehlt hier genauso sehr die Show, wie Walter sie einst Margaret zu stehlen versuchte.

Dem Film tut das aber nicht gut, denn er wird dadurch immer mehr zu einer Groteske und Margaret Keane, um die es ja geht, zur Statistin in ihrer eigenen Geschichte. So bleibt von Big Eyes nicht so sehr der kunsthistorische und geschlechterpolitische Skandal in Erinnerung, als - wie übrigens schon in Django Unchained - das große Solo eines Schauspielers, dem man hier beim nicht immer gelungenen Versuch zuschauen kann, seine Begabung präzise zu dosieren. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 21.4.2015)

Ab 24.4. im Kino

  • Eine Malsklavin begehrt gegen ihren Ehemann auf: Amy Adams und Christoph Waltz in Tim Burtons "Big Eyes".
    foto: constantin

    Eine Malsklavin begehrt gegen ihren Ehemann auf: Amy Adams und Christoph Waltz in Tim Burtons "Big Eyes".

  • kinocheck
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