Kiew: Die Rettung einer Biennale im Geiste des Maidan

20. April 2015, 17:44
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Die Wiener Kuratoren Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer trotzen der Absage der Kiewer Biennale und wollen das Projekt nun ohne staatliche Unterstützung durchziehen

Kiew/Wien – Ohne Vorwarnung hatte die Direktorin des staatlichen Mystezkyj-Arsenal, Natalja Sabolotna, die verantwortlichen Kuratoren Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer am 20. März darüber informiert, dass die für Herbst 2015 geplante Kiewer Biennale namens "Arsenale" abgesagt sei. Angesichts der aktuellen Situation sei die Realisierung eines derartigen Projekts unmöglich, und auch die Sicherheit der Teilnehmer könne nicht garantiert werden, hieß es anschließend in der Presseerklärung.

Absage nicht gänzlich unerwartet

Auch wenn die zwei Kuratoren aus Österreich überrascht waren, war die Absage aus Kiewer Perspektive nicht gänzlich unerwartet gekommen: Nicht nur dass die Ukraine mit riesigen Budgetproblemen kämpft – auch der neue Kulturminister Wjatscheslaw Kyrylenko hatte zuletzt betont, vor allem Projekte in Frontnähe sowie zur Unterstützung von Militärs subventionieren zu wollen. Internationale Kunst in Kiew, die gar verstören könnte, hat da keine Priorität.

Aber auch Arsenal-Direktorin Sabolotna ist dafür bekannt, politischen Risiken nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen. Vor einem Ausstellungsbesuch des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch hatte sie im Sommer 2013 regimekritische Kunst eigenhändig übermalt und damit einen Zensurskandal ausgelöst (DER STANDARD berichtete).

Saxenhuber und Schöllhammer protestierten zunächst vergeblich gegen die Absage – wenige Tage später kündigten sie an, ihr Projekt auch ohne staatliche ukrainische Subventionen und das Mystezkyj-Arsenal durchzuführen. "60 internationale Künstler, die wir eingeladen hatten, bekundeten ihre Solidarität mit dem Projekt, und zahlreiche Institutionen in und auch außerhalb der Ukraine erklärten sich bereit, in die Bresche zu springen", sagte Schöllhammer zum STANDARD: Obwohl das Budget noch unklar sei, könne man garantieren, dass die Biennale stattfinde.

Auf "Schulen" basierendes Programm

Wie ursprünglich geplant, ergänzt Saxenhuber, werde das Programm auf sechs "Schulen" basieren, denen jeweils Ausstellungen zuordnet seien. Die "Schulen", die sich thematisch unter anderem mit Europa, Landschaft oder Realismus beschäftigen werden, würden gemeinsam mit der Biennale am 8. September starten. Als Lehrer wurden der US-amerikanische Historiker Timothy Snynder und sein britischer Kollegen Timothy Garton Ash genannt, weitere Details und die Künstlerliste sollen im Juni veröffentlicht werden.

Eine zentrale institutionelle Rolle für "Die Schule von Kiew", so der nunmehrige Titel der Biennale, spielt das Kiewer Visual Culture Research Center (VCRC). Das Zentrum, das auch von der mit Schöllhammer vernetzten österreichischen Erste Stiftung subventioniert wird, avancierte zuletzt zu einem der wichtigsten Diskussionsorte der ukrainischen Hauptstadt.

"Maidan der Kultur"

"Wir denken die Biennale als Fortsetzung der Ideen des Maidan: Sie ist ein Maidan der Kultur in internationalem Maßstab", erklärte VCRC-Leiter Wasil Tscherepanin Ende vergangener Woche auf einer Pressekonferenz in Kiew. Gerade auch nach der Revolution (im Februar 2014, Anm.) sei es sehr wichtig, jene fortbildenden emanzipatorischen und befreierischen Praktiken des Maidan fortzusetzen und zu institutionalisieren, sagte er.

Gleichzeitig hofft Tscherepanin auch auf eine wichtige internationale Wirkung der Veranstaltung: "Es gibt noch immer viele Lügen und Propaganda in der Darstellung der Ukraine. Die Biennale gibt uns auch die Möglichkeit, eine eigene Erzählung über uns zu entwickeln." (Herwig G. Höller, DER STANDARD, 21.4.2015, Langfassung)

  • Wollen ihr Projekt nun ohne staatliche Unterstützung durchziehen: Georg Schöllhammer und Hedwig Saxenhuber.
    foto: heribert corn

    Wollen ihr Projekt nun ohne staatliche Unterstützung durchziehen: Georg Schöllhammer und Hedwig Saxenhuber.

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