Vermessungen im Labyrinth der Geschichten

Kommentar der anderen19. April 2015, 18:34
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Ein Museum gemeinsam denken: Das geplante Haus der Geschichte Österreichs wird eine umfassende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit dieses Landes bieten. Je mehr Diskussion und Reflexion es darüber gibt, desto besser wird es werden

Es zeigt sich, dass mit der Realisierungschance des Langzeitprojekts Haus der Geschichte Österreichs auch die Qualität der öffentlichen Debatte zunimmt, wie rezente Kommentare von Barbara Coudenhove-Kalergi, Thomas Winkelbauer und Trautl Brandstaller im STANDARD zeigen. Auf meinen Wunsch hin wurde die Machbarkeitsstudie der auch international höchst anerkannten Museumsberaterin Claudia Haas als Diskussionsgrundlage, aber keineswegs als abgeschlossenes Konzept im Internet publiziert. Dass diese aus 2009 stammende Arbeit primär die Rahmenbedingungen für eine internationale Architektur- und Designausschreibung liefern soll und nicht nur hinsichtlich des Raum- und Funktionskonzepts aufgrund der zugeteilten Räume in der Neuen Burg am Heldenplatz überarbeitet wird, ist klar.

Das konkrete Gestaltungsprogramm für Dauer- und Wechselausstellungen sowie für digitale Informations- und Diskussionsplattform bzw. Vermittlungs-, Sammlungs- und Veranstaltungsstrategien können erst nach intensiven Analysen und Diskussionen zwischen einem Team um eine leitende Kuratorin, einem Kurator, der ab Herbst in einem transparenten Bewerbungsverfahren gesucht werden wird, dem internationalen wissenschaftlichen Beirat und der interessierten Öffentlichkeit konkretisiert werden.

Die Grundkonzeption wird dabei eine umfassende Auseinandersetzung zu Inhalten, Gestaltung sowie den ebenso wichtigen Vermittlungskonzepten berücksichtigen, die bereits ab Herbst beginnen wird - unter dem Leitmotiv: ein Museum gemeinsam denken. Dabei werden dann Fragen, wie jene der Österreich-Konstruktionen in der Habsburgermonarchie, die Winkelbauer einmahnt, ebenso reflektiert und vertieft werden wie die Suche nach zentralen Elementen der österreichischen Identitäten, die Brandstaller zu Recht anspricht. Doch bin ich davon überzeugt, dass in diesem Aushandlungsprozess nicht nur die Geschichtsforschung und andere Wissenschaftsdisziplinen eine Rolle spielen sollen, sondern dass beispielsweise eine intensive Beschäftigung mit Kunst, Film, Literatur, Musik und Theater vielleicht anschaulichere qualitative Aussagen und Interpretationen ermöglicht. In rund 15 Arbeitskreisen werden daher verschiedenste Perspektiven auf österreichische Geschichte mit Schwerpunkt auf die Entwicklung zur ersten Moderne entwickelt werden – seit der Aufklärung und Französischen Revolution mit Tiefenbohrungen um die 1848er-Revolutionen, die ja nicht nur auf dem Gebiet des heutigen Österreich stattgefunden haben, sondern ganz Zentraleuropa punktuell erfasst haben.

Dass dabei nicht nur die gerade wieder – wie bei der Frage Wiener Kongress 1814/1815 oder den Ringstraßenbauten – intensiv benützte Vorderbühne der politischen und kulturellen Akteure und Machthaber bedient werden wird, ist ein wichtiger Ansatz, den wir im Beirat vertiefen werden. Dass Migration, kulturelle Transfers und heftigste Assimilations- und Ausgrenzungsdebatten bereits die erste Globalisierung ab 1850/1870 geprägt haben wie sie unsere Gegenwart beeinflussen, wird eine der wichtigen Leitlinien darstellen. Ab Herbst wird daher ein dichtes, auf die eigentliche Ausstellungsgestaltung hin konzipiertes Veranstaltungsprogramm vorliegen, das u. a. die von Martin Fritz im STANDARD bereits 2014 geforderte Neukonzeption des Heldenplatzes sowie die Kooperationen mit anderen Museen in der Neuen Burg beinhaltet. Auch hier haben wir im Beirat eine Initiative gesetzt, und bis Ende 2015 wird eine Steuerungsgruppe der Bundesregierung konkrete Umsetzungspläne entwickeln.

Das künftige Haus der Geschichte Österreichs, dessen Name ebenso zur Diskussion steht, aber sicherlich kein braves "Häuschen der Republikgeschichte ab 1918" werden wird, hat bereits ein Alleinstellungsmerkmal – den Heldenplatz und seine wechselhafte Geschichte, seitdem ihn napoleonische Truppen freigesprengt haben. Erst in der ständigen Auseinandersetzung mit dem zentralsten Erinnerungsort Österreichs, der ein Spiegelbild der politischen Kultur des 19 und 20. Jahrhunderts geworden ist, wird das HGÖ Attraktivität, Bodenhaftung und Internationale Qualität bekommen. Auch war er mehr als nur Kulisse für Adolf Hitlers Anschluss-Rede 1938, die als globale Chiffre auch den Balkon am Heldenplatz prägt – ob uns das gefällt oder nicht.

Erster Startschuss für diese andere Strategie, ein Museum öffentlich und interaktiv zu denken, wird die gemeinsame Reflexion über die unterschiedlichen zentralen Perspektiven auf österreichische Geschichte in den Bundesländern sein, wobei nicht nur die traditionellen institutionellen Geschichtsspeicher wie Landesmuseen, Archive und Bibliotheken, sondern auch die höchst wirksamen regionalen Geschichtsnetzwerke eingeladen werden. In diesem Sinne wird der Spruch des legendären Helmut Qualtinger – "Österreich ist ein Labyrinth, in dem sich jeder auskennt" – kreativ gedreht, und es wird begonnen, gerade dieses vorhandene Potenzial in den Entwicklungs- und Gestaltungsprozess des Hauses der Geschichte Österreichs am Heldenplatz nachhaltig einzubinden. (Oliver Rathkolb, DER STANDARD, 20.4.2015)

Oliver Rathkolb ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien und Vorsitzender des internationalen wissenschaftlichen Beirates des Hauses der Geschichte Österreichs.

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