Häupls Lehrer-Bashing: Schutzpatron seiner Beamten

Kommentar19. April 2015, 18:48
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Michael Häupls Vorstoß bei den Lehrern ist unaufrichtig, wenn er nur die Privilegien seiner Wiener Beamten beim Pensionsrecht schützen möchte

Es ist schon eine hohe politische Kunst, sich zu entschuldigen, und danach zu sagen, dass man sich eigentlich gar nicht entschuldigt hat. Die Königsdisziplin ist freilich, wenn das vom Wahlvolk dennoch als demütiger Akt verstanden wird. Michael Häupl lieferte diesbezüglich am Wochenende eine Meisterleistung ab.

Lehrer sollen zwei Unterrichtsstunden pro Woche länger in der Klasse stehen, lautete der Subtext einer Botschaft, die Wiens Bürgermeister Anfang der vergangenen Woche auf die Reise schickte. Lehrer reagierten entrüstet. Am Samstag sagte Häupl: "Liebe Lehrer, ich habe nicht euch gemeint." Seine Kritik habe sich an Lehrervertreter und ÖVP-Gewerkschafter gerichtet. Lehrervertreter, das sei zur Sicherheit hier gesagt, sind aber auch Lehrer, und als Standesvertreter kämpfen sie um deren Interessen. Geschadet hat Häupl das Lehrer-Bashing im Stammtischstil in seiner Partei jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Am Sonntag fand auch FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache an der Erhöhung der Lehrverpflichtung Gefallen.

Die Forderung, dass Lehrer mehr Zeit in der Klasse verbringen sollen, ist nicht verwerflich - und könnte Parteien, außer von Lehrern, auch Stimmen bringen. Häupls Wunsch, einen Diskurs über eine moderne Schule mit modernen Lehrverpflichtungen führen zu können, ohne sofort ein "Njet" zu hören, wäre aller Ehren wert. Aber Häupl ließ die Lehrer auch deshalb ins Rampenlicht rücken, um im Rahmen der Steuerreform von einem anderen Punkt abzulenken: In Wien gehen Beamte im Vergleich zu Bundesbeamten durchschnittlich um mehr als drei Jahre früher in Pension. Der Kritik von Finanzminister Hans-Jörg Schelling (ÖVP) an diesem Zustand konterte Häupl: "Er soll gefälligst Wien in Ruhe lassen." Wasser predigen und Wein trinken? Häupls Vorstoß bei den Lehrern ist unaufrichtig, wenn er nur Wiener Privilegien schützen möchte. (David Krutzler, DER STANDARD, 20.4.2015)

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