Der Kater nach dem Fusionsrausch

20. April 2015, 07:00
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Für Übernahmen und Fusionen greifen Unternehmen derzeit tief in die Tasche. Der gewünschte Erfolg stellt sich aber nicht immer ein

Wien – Das Fusionskarussell dreht sich derzeit schnell, die Summen, die dabei bewegt werden, sind enorm. So kostet der Zusammenschluss von Ketchup-Hersteller Heinz und Kraft Foods umgerechnet rund 40 Milliarden Euro. Für 15,6 Milliarden Euro greift Nokia nach dem Netzwerkausrüster Alcatel-Lucent. Geradezu bescheiden klingt da die geplante Übernahme des niederländischen Paketdienstes TNT durch den US-Konzern Fed Ex, die für 4,4 Milliarden Euro über die Bühne gehen soll. Am meisten Geld wird derzeit aber für eine Energiefusion in die Hand genommen: 64,2 Milliarden Euro ist Royal Dutch Shell die Übernahme des britischen Konkurrenten BG wert. Damit sorgt der niederländisch-britische Konzern für den größten Branchendeal des vergangenen Jahrzehnts und reiht sich in die weltweit größten Fusionen ein.

Niedrigzinsen

"Der Mix aus niedrigen Zinsen, das allgemein schwache Wachstum und die hohen Cashbestände der Unternehmen, die nach der Krise aufgebaut wurden, treiben das Fusionsfieber derzeit an", sagt Monika Rosen-Philipp, Chefanalystin des Bank Austria Private Banking. Ist die Fusionswelle aber ein Zeichen von konjunkturellem Optimismus? "Das muss nicht unbedingt sein", sagt Rosen-Philipp. Die Fusionswelle könnte auch ein Zeichen dafür sein, "dass Unternehmen nicht aus eigener Kraft wachsen können". Weil auf Fusionen oft Einsparungen und Stellenabbau folgen, sehen viele Experten die Megadeals auch kritisch.

Megadeals mit Problemen

Dass der Zukauf von Wachstum nicht immer aufgeht, zeigt ein Blick in die Historie. Ausgerechnet die weltweit bisher größte Fusion – der Internetdienstleister AOL und der Medienkonzern Time Warner hatten sich im Jahr 2000 für 186,2 Mrd. Dollar zusammengeschlossen – ist heute ein Beispiel für die vielfältigen Probleme bei Megadeals. Mit der Fusion AOL / Time Warner entstand zwar das zur damaligen Zeit viertgrößte Unternehmen der Welt. Getragen war es aber von viel Fantasie. Die Symbiose aus alten und neuen Medien klappte nicht so recht, zudem wurde mit dem Platzen der Dotcom-Blase die enorme Überbewertung von AOL zum Verhängnis. Das bescherte dem fusionierten Konzern 2002 einen Verlust von knapp 100 Mrd. Dollar – damals der größte Nettoverlust eines Unternehmens in der US-Wirtschaftsgeschichte. Hinter vorgehaltener Hand wird der Deal auch als die größte Geldvernichtung aller Zeiten genannt.

Viele Gründe fürs Scheitern

Auch heute noch führen unterschiedliche Sprachen oder nicht kompatible Systeme bei Fusionen immer wieder zu Problemen. Vor allem länderübergreifende Deals scheitern nicht selten daran, dass Synergien aufgrund interner Faktoren/unterschiedlicher Unternehmenskulturen nicht wie geplant gehoben werden können.

Nur rund die Hälfte der Übernahmen und Fusionen bringe am Ende des Tages den gewünschten Erfolg, zeigt eine Studie der britischen Unternehmensberatung Beyond the Deal aus dem Vorjahr. Die Frage, wie ein Unternehmen mit all seinen Bereichen nach der Übernahme integriert werden soll, fehle oft. Bei großen Deals gebe es immer einen Punkt, an dem das "deal fever" einsetze – dann gehe es nur noch darum, das Geschäft über die Bühne zu bringen. Der Manager wolle seine Provision – ebenso die Investmentbank. Dann traue sich niemand mehr, innezuhalten und das Vorhaben nochmals zu hinterfragen.

Telekom-Deals

Die Bereiche Technologie und Telekom sind jene, in denen die meisten Fusionen stattfinden. Die weltweiten Deals liegen laut Daten von Thomson Reuters mit 245,8 Mrd. Dollar aktuell auf dem höchsten Stand seit 2006.

Goldman Sachs gehört zu jenen Investmentbanken, die die meisten Deals begleiten. Das Fusionskarussell spiegelt sich auch in der Goldman-Bilanz wider. Die Sparte Investmentbanking brachte es 2014 mit 1,9 Mrd. Dollar auf dem höchsten Stand seit 2007, dem Beginn der globalen Finanzkrise. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 20.4.2015)

  • Das Fusionskarussell dreht sich, doch nicht immer erfolgreich, belegen Untersuchungen.
    Foto: dpa / Frank Leonhardt

    Das Fusionskarussell dreht sich, doch nicht immer erfolgreich, belegen Untersuchungen.

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