Crowdfunding boomt, Print lebt

19. April 2015, 16:33
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Das Journalismusfestival in Perugia hat sich zum wichtigsten offenen Forum der Medienbranche in Europa entwickelt

Perugia - Ein Gewinn sind vor allem die starke Präsenz von US-Amerikanern und der Mix aus Teilnehmern von Branchengrößen wie Facebook oder "New York Times" bis zu freien Journalisten, die in Perugia ihr Start-up oder ein Technik-Tool vorstellen. Ein starker Schwerpunkt lag auch beim diesjährigen Journalismusfestival, das zum neunten Mal stattfand, auf Datenjournalismus, die Einbindung von Video in Onlineauftritte war ebenfalls ein Schwerpunktthema.

Im Gegensatz zu den Jahren davor wurde nicht mehr darüber diskutiert, ob Print- und Online-Redaktionen zusammengelegt werden sollten, sondern das wurde bei den vielen Diskussionen und Workshops, die zwischen Mittwoch und Sonntag in der umbrischen Stadt stattfanden, als gegeben angenommen. "Mit der Transformation im Medienbereich, über die man lange geredet hat, wird es jetzt ernst", sagte "Guardian"-Digitalchef Aron Pilhofer.

Generell herrschte viel Optimismus vor, den auch der via Skype von einem unbekannten Ort in den Rathaussaal von Perugia zugeschaltete NSA-Aufdecker Edward Snowden am Freitagabend beflügelte. Er setze auf den Journalismus, um die Massenüberwachung aller Bürger durch Geheimdienste einzudämmen, sagte Snowden.

Rekord in Spanien

Bürger sind offenbar auch immer mehr bereit, in journalistische Projekte zu investieren. In Perugia wurden mehrere Online-Magazine vorgestellt, die durch Crowdfunding finanziert werden. "De Correspondent", 2013 in den Niederlanden gestartet, ist das wohl bekannteste Modell in Europa, das rund 1,3 Millionen Euro durch Mitgliedschaften gesammelt hat, am meisten Unterstützungen hat jedoch das spanische Projekt "El Español" erfahren: 1,7 Millionen Euro. Die "Krautreporter" sammelten zwischen Mai und Juni 2014 rund eine Million ein und zählten 17 585 Mitglieder.

Frederik Fischer von den "Krautreportern" beschrieb die Zitterpartie, da man bereits ab dem vierten Tag viel weniger Unterstützer als geplant hatte, die den Beitrag von 60 Euro zahlen sollten. Aber nach Durchschritten des "Tal des Todes" sei die Zahl am Ende jedoch "explodiert".

Er schilderte sehr offen Probleme im Aufbauprozess wie die technische Entwicklung und die Zusammenarbeit mit freien Journalisten. Inzwischen exportieren die Krautreporter aber Wissen und Software, etwa nach Ungarn, wo sie den Aufbau des im Februar gestarteten Projekts "Direkt 36" unterstützten.

Neue Online- Projekte am Start

Weitere journalistische Projekte, die vor kurzem an den Start gegangen sind und durch Crowdfunding finanziert werden: "Contrabutoria" in Großbritannien, "Studin" in Island und "Blank Spot" in Schweden. In "Correktiv" aus Deutschland steckt auch viel Kapital des Witwe des Mitbegründers der WAZ-Gruppe, Anneliese Brost.

In Perugia wurden auch Printprodukte vorgestellt, die erst seit kurzem am Markt sind und sich erfolgreich behaupten: das opulent gestaltete Magazin "Flaneur", das 2013 erstmals erschienen ist und im Halb-Jahres-Rhythmus erscheint; "Berlin Quarterly", eine englischsprachige Vierteljahreszeitschaft, und "Outpost", ein im Arabischen Frühling in Beirut gestartetes Magazin, das sich explizit an junge Leser wendet. "Wir haben es als Printprodukt gestartet, weil damit ein Qualitätsanspruch verbunden ist. Wir wollen ein Sprachrohr für die Jungen sein", erläuterte Gründer Ibrahim Nehme.

Neue Printprodukte am Markt

Aus einer ganz anderen Motivation heraus hat Ricarda Messner "Flaneur" gestartet. "Ich habe nicht auf den Markt geschaut, ich habe nie Marktforschung betrieben. Das Motiv war eine Art persönlicher Therapie", sagte Ricarda Messner. Nach ihrem Studium habe sei eine Sinnkrise gehabt und sich in dieses Projekt gestürzt. Warum nur Print und nicht auch Online? Das Konzept für Flaneur mit langen Fotostrecken und ausklappbaren Seiten funktioniere nur auf Papier, erklärte die Gründerin. So werden häufig Filmstills eingearbeitet oder besondere grafische Konzepte umgesetzt. Kern des Magazins ist, von einer Straße in einer Stadt ausgehend Geschichten zu erzählen. Das erste Heft hatte Berlin zum Thema, über Rom gibt es auch eine italienische Ausgabe.

Mit einem irischen Sponsor startete der Italiener Cesare Alemanni 2013 das englischsprachige "Berlin Quarterly". Es kommen darin aber nicht nur Geschichten über die deutsche Hauptstadt vor sondern aus ganz Europa. "Berlin repräsentiert Europa im Guten wie im Schlechten und steht für Europa als Ganzes. Berlin ist das Sprungbrett, um auf Europa zu schauen", erläuterte Alemanni. Es gelte nun, ein nachhaltiges Finanzierungsmodell für seine Vierteljahreszeitschaft zu finden.

Mut zum Start

Die jungen Medienmacher zeigten sich überzeugt, dass auch Printprodukte in Zukunft weiter bestehen können. Man müsse die potenziellen Leser kennen, um einen Markt zu erobern und einfach den Mut haben anzufangen, gab Messner ihre Erfahrungen weiter. Auch Pilhofer, der vor einem halben Jahr von der "New York Times" und damit von der US-Ostküste zum "Guardian" nach London gewechselt ist und als einer der erfahrensten Internetspezialisten in der Medienbranche gilt, gestand in Perugia: "Eine der größten Freuden ist, dass ich den Guardian auch als Zeitung lesen kann." (Alexandra Föderl-Schmid, derStandard.at, 19.4.2015)

  • Für Ricarda Messner ist das Magazin "Flaneur" so etwas wie eine "persönliche Therapie".
    foto: standard/föderl-schmid

    Für Ricarda Messner ist das Magazin "Flaneur" so etwas wie eine "persönliche Therapie".

  • Frederik Fischer von den Krautreportern sprach in Perugia unter anderem über technische Probleme beim Aufbau der Plattform.
    foto: standard/föderl-schmid

    Frederik Fischer von den Krautreportern sprach in Perugia unter anderem über technische Probleme beim Aufbau der Plattform.

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