Langjähriger ORF-Journalist und ehemaliger Minister Franz Kreuzer tot

19. April 2015, 13:05
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Miterfinder des "Club 2", Gesundheitsminister während des Tschernobyl-GAU - Starb im Alter von 86 Jahren

Wien - Älteren Österreichern ist Franz Kreuzer wohl noch als einer der Moderatoren der Fernsehsendung Club 2 in Erinnerung. Der ORF wusste damals: Kreuzer ist jemand, der weiß, wie man Debatten anstößt. Das hatte der 1929 geborene Journalist bereits in den 1960er Jahren bewiesen – zu einer Zeit, als sich die SPÖ mit der "Arbeiter Zeitung" noch ein Zentralorgan leistete. Als deren Chefredakteur wagte Kreuzer etwas für die damaligen Verhältnisse Unerhörtes: Nach der Wahlniederlage von 1966, die die SPÖ erstmals auf die Oppositionsbank gezwungen hatte, initiierte er die sogenannten "Augustgespräche" als Diskussionforum über die als notwendig erachtete Parteireform.

Es war jene Diskussion, die dem späteren Bundeskanzler Bruno Kreisky den Weg bereitete. Es war aber auch eine Diskussion, die scharfe Bruchlinien in der SPÖ zeigte. Als Kreisky im folgenden Winter – gegen den Widerstand des Gewerkschaftsflügels – zum Parteivorsitzenden gewählt wurde, musste er Kreuzer opfern. Die SPÖ setzte den aus dem ÖGB kommenden Paul Blau an die Spitze ihres Kampfblattes.

Weniger Parteieinfluss im ORF

Der abgesetzte Chefredakteur wechselte zum ORF, der bald darauf (in Folge des Rundfunkvolksbegehrens) vom Parteieinfluss weitgehend befreit wurde – was Kreuzer volle journalistische Entfaltungsmöglichkeiten bot. Beim ORF wurde er Chefredakteur, dann, nach Kreiskys neuerlicher ORF-Reform, 1974 Fernsehintendant von FS 2 wie ORF 2 damals hieß. Obwohl weiterhin bekennender Sozialdemokrat, stellte Kreuzer den journalistischen Auftrag stets in den Vordergrund, was ihn bei Kreisky nicht beliebter machte. Kreuzer wechselte wieder in die Chefredaktion, wurde 1984 schließlich Informationsintendant.

Das blieb er nur ein Jahr, dann wurde er von Fred Sinowatz zum Gesundheits- und Umweltminister bestellt – eine Funktion, die kurz darauf eine zentrale Bedeutung erlangte: In Kreuzers Amtszeit fiel 1986 die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Kreuzer tat, was er konnte: Er recherchierte genau, welche Bedrohungen es gab, referierte dies ausführlich im Ministerrat und machte sich erfolgreich für einen endgültigen Verzicht auf Atomkraft in Österreich stark. Er blieb auch im Kabinett Vranitzky I, kehrte aber 1987 in den Journalismus zurück. Nebenbei schrieb er mehrere Bücher – unter anderem eine Geschichte des Ursprungs der österreichischen Arbeiterbewegung.

Er starb am Dienstag in Wien. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 19.4.2015)

  • Franz Kreuzer auf einem Archivbild aus dem Jahr 2004.
    foto: archiv orf

    Franz Kreuzer auf einem Archivbild aus dem Jahr 2004.

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