Großbritannien: Ed Miliband tritt aus dem Schatten

Video18. April 2015, 14:16
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Angriffe der Konservativen haben nicht gefruchtet: Labours Spitzenkandidat hat im britischen Wahlkampf an Statur gewonnen

Am Ende der jüngsten Fernsehdebatte sprach Edward Miliband direkt in die Kamera. Er habe eine Mitteilung für den Premier, sagte der Chef der britischen Labour Party am Donnerstagabend: "David, wenn Sie finden, dass es bei dieser Wahl um Führungsstärke geht, dann sollten Sie darüber mit mir debattieren - nur wir beide."

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TV-Debatte am Donnerstagabend

Ähnliche Appelle hatte der Oppositionsführer auch im Unterhaus immer wieder vorgetragen. Was dort ein wenig verzweifelt klang, erhielt drei Wochen nach der Auflösung des Parlaments neue Bedeutung. Zur Halbzeit der heißen Phase des Wahlkampfes, drei Wochen vor dem Votum, hat Miliband an Statur gewonnen. Seine Partei steht mit Disziplin hinter ihm, vom linken Londoner Ex-Bürgermeister Ken Livingstone bis zu Ex-Premier Tony Blair.

Streetfighter mit Näselstimme

Der 45-Jährige selbst, dem das Image eines etwas linkischen Geeks vorauseilt, wirkt vom Wahlkampf wie belebt - als sei er aus dem Schatten des Medien-Zerrbilds getreten. In Reden und TV-Auftritten gelingt dem Mann mit der Näselstimme und der zerknautschten Nase die richtige Mischung aus hungrigem Straßenkämpfer und plausiblem Staatsmann. Nach jahrelang verheerenden Popularitätswerten ermitteln die Demoskopen erstmals positive Werte. Aus dem 90-minütigen Fernsehstreit mit zwei regionalen Nationalistinnen, Rechtspopulist Nigel Farage von der Ukip und der grünen Spitzenkandidatin ging Miliband als Sieger hervor.

Bei aller britischen Freude an kleineren Parteien - David Cameron im Amt ablösen kann nur Miliband. Was in anderen Nationen zum politischen Alltag gehört, das Duell der Anwärter auf den Chefposten, hat der Premier standhaft verweigert. Man wolle dem schwachen Labour-Mann kein Podium für einen staatsmännischen Auftritt bieten, hieß es dazu bei den Torys. Das stellt sich als Fehlkalkulation heraus.

Könnte es sein, dass der Premier und sein Berater Lynton Crosby den Herausforderer unterschätzt haben? Dann befänden sie sich in bester Gesellschaft. Auch Edwards älterer Bruder David nahm den um vier Jahre Jüngeren nicht so recht ernst, als es 2010 um die Nachfolge von Gordon Brown im Amt des Labour-Chefs ging. Der ältere Miliband, als Gefolgsmann Blairs und früherer Außenminister bekannt, genoss die mehrheitliche Zustimmung der Parlamentsfraktion und der Parteimitglieder. Weil aber auch Millionen von Gewerkschaftsmitgliedern abstimmen durften, ging Edward ganz knapp vor David ins Ziel.

Der politische Brudermord hing ihm lange nach. Jahrelang verging kein Interview, in dem er sich nicht rechtfertigen musste: Das sei "schwer gewesen", räumt er ein. Freilich demonstrierte der Coup auch Entschlossenheit und Brutalität, also Charaktereigenschaften, die bei Anwärtern für Spitzenämter nicht hinderlich sind.

Insofern war es wenig geschickt von Verteidigungsminister Michael Fallon, als er vergangene Woche an Milibands Vorgeschichte erinnerte und daran eine kühne These knüpfte: Wie der Labour-Mann "dem Bruder das Messer in den Rücken gerammt" habe, werde er "auch Großbritannien verraten" und die Nuklearbewaffnung des Landes aufgeben. Selbst begeisterte Torys wandten sich kopfschüttelnd ab, das vornehme Wirtschaftsblatt Economist nannte die Attacke "idiotisch".

Vergessen scheinen die innerparteilichen Zweifel am "stets taktisch agierenden" Hinterbänkler, am "altmodischen Nordlondoner Sozialisten" (das Labour-Blatt New Statesman), dessen große Augen ihm den Spitznamen Panda eingebracht haben.

Der Sohn jüdischer Hitler-Flüchtlinge aus Polen und Belgien wuchs in einem politischen Haushalt auf, absolvierte ein Politikstudium in Oxford und Harvard, wurde Mitarbeiter des damaligen Finanzministers Gordon Brown und zog 2005 ins Parlament ein.

Zwei Jahre später war er Kabinettsmitglied, die Parteiführung übernahm er mit gerade einmal 40 Jahren. Miliband hatte nicht nur eine Reihe ebenso schöner wie erfolgreicher Freundinnen, wie das rechte Kleinbürgerblatt Daily Mail kürzlich - offenbar missbilligend - feststellte; der "jüdische Atheist" (Selbstbeschreibung) ist auch seit Jahren mit einer Spezialistin für Arbeitsrecht verheiratet, das Paar hat zwei Söhne. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 18.4.2015)

  • Ed Miliband (li.) mit Nicola Sturgeon (3. v. re) und Kontrahentinnen. Nigel Farage (re.) blieb im Abseits.
    foto: ap / stefan rousseau

    Ed Miliband (li.) mit Nicola Sturgeon (3. v. re) und Kontrahentinnen. Nigel Farage (re.) blieb im Abseits.

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