Lukács und die Linke in Österreich

19. April 2015, 12:00
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Der marxistische Meisterdenker Georg Lukács stand mit Günther Nenning, Ernst Fischer und Günther Anders in regem Briefkontakt

Erinnerungsarbeit ist in Österreich und Europa seit vielen Jahren eine Selbstverständlichkeit. Verschattet ist indes jenes historische Projekt, das die Eckdaten des "kurzen" 20. Jahrhunderts von der Oktoberrevolution 1917 bis zum Ende des "realen Sozialismus" 1989 markiert. Wer die Rückschläge, Niederlagen und Verbrechen des "realen Sozialismus" erforschen möchte, für den ist das Lukács-Archiv in Budapest eine Fundgrube sondergleichen.

Bis heute befinden sich die Hinterlassenschaften eines der einflussreichsten marxistischen Philosophen des 20. Jahrhunderts in jener gutbürgerlichen, parteieigenen Wohnung an der Belgrad Rakpart, die Lukács bis zum Lebensende bewohnt hat: 12.000 Briefe in den verschiedensten Sprachen, die kommentierten Werke von Philosophen, etwa Kant und Hegel, eine umfangreiche Gelehrtenbibliothek. An der Donau gelegen, eröffnet die geräumige Wohnung im fünften Stock einen prächtigen Blick auf den Gellért-hegy und die Burg von Buda.

"Große Gestalt"

Erstaunlicherweise ist dieser Nachlass, von einigen prominenten Briefwechseln, etwa jenem mit Ernst Bloch abgesehen, nicht wirklich aufgearbeitet. Offenkundig gab es in Ungarn nie einen passenden Zeitpunkt, dieses Material eines Denkers zu edieren und zu kommentieren, der zugleich Dissident und parteitreu gewesen ist. Dieses vielsprachige Riesenkonvolut macht deutlich, dass Lukács mit der gesamten europäischen Linken im Gespräch war. Er war, wie sein Freund Ernst Fischer zu Recht bemerkt, eine der "großen Gestalten" des 20. Jahrhunderts.

Die Briefwechsel, über die ich berichten möchte, bestehen vornehmlich aus Dokumenten der 1950er- und 1960er-Jahre. Der theoretisch vielleicht unergiebigste Briefwechsel, jener mit dem Publizisten Günther Nenning, macht die hohe Reputation von Lukács weit über die Grenzen Ungarns hinaus gut sichtbar. Seine politischen Einschätzungen und theoretischen Konzepte werden, wie wir durch den Briefwechsel erfahren, nicht zuletzt in Italien, dem Land mit der mächtigsten kommunistischen Partei in Westeuropa, dem titoistischen Jugoslawien und dem seit 1955 neutralen Österreich kommuniziert. Lukács' Reputation verdankt sich einer so merkwürdigen wie schwierigen Situation, die eine prinzipielle Loyalität zu Sozialismus und marxistischer Orthodoxie mit Solidarität mit Dissidenten wie Havemann zu verbinden sucht.

Der umfassendste ungarisch-österreichische Briefwechsel ist jener mit dem Kommunisten Ernst Fischer, die beiden Freunde kennen sich aus dem Moskauer Exil. Die erhaltene Korrespondenz umfasst die Jahre von 1952 bis 1971. Bereits im ersten Brief von Lukács vom 12. Jänner 1952 wird klar, dass dieses Schreiben die Wiederaufnahme eines Dialogs ist, der bis zum gemeinsamen Moskauer Exil zurückreicht. Der Brief Lukács' macht die bürokratischen Hürden sichtbar, die einem geplanten Besuch des ungarischen Philosophen in Wien bei dem Freund, der bis 1959 Abgeordneter des Nationalrats ist, im Wege stehen. Offenkundig bedarf es eines umfassenden Antichambrierens, um die Genehmigung einer Ausreise aus dem stalinistisch geordneten Ungarn in das von der Sowjetunion mitbesetzte Österreich zu erlangen.

Politik wird nur selten explizit thematisiert. Die Briefschreiber tauschen sich nicht über die Situation in ihren Ländern noch über ihre jeweilige Stellung aus, die wohl schon um 1952 eine deplatzierte ist, auch wenn Lukács von einer wichtigen Sitzung der Akademie der Wissenschaften berichtet, bei der es um die Gründung eines offenkundig auf Lukács zugeschnittenen philosophischen Instituts gehen soll. Das ist auch die Arbeit der Zensur. Auch die politische Position Fischers ist Anfang der 1950er-Jahre politisch geschwächt, ist es der Fünf-Prozent-Partei doch nicht gelungen, sich in breiten Schichten der Bevölkerung zu verankern.

All diese Fragen kommen nicht zur Sprache. Wer erfahren möchte, wie die Kommunisten Fischer und Lukács über den Arbeiteraufstand in der DDR 1953, über das Jahr 1956 in Ungarn, den Prager Frühling oder die Studentenbewegung in Westeuropa gedacht haben, wird enttäuscht. Es gibt indes zwei markante Ausnahmen, Lukács' Aufsatz zur Entstalinisierung und – später – seinen Kommentar zum russisch-chinesischen Konflikt, in dem sich Lukács loyal auf die Seite der Sowjetunion stellt, was damals übrigens von dessen philosophischem Antipoden Sartre politisch noch gewürdigt wird.

Worüber die Freunde debattieren, das sind vor allem Fragen der Ästhetik, beide leben sie nach 1956/57 in einer Art von innerem Exil, und das heißt in der Literatur. So lobt Fischer einen "großartigen Abschnitt" aus Lukács' "Ästhetik", geht aber taktvoll wie unverkennbar auf Distanz zur offiziellen Widerspiegelungstheorie, an der Lukács festhält. Fischer möchte in mehreren Briefen aus dem Jahre 1957/58 die nichtrealistische Literatur, eben die der Romantik und Moderne – von Kafka über Musil bis zu Beckett – als ästhetisch und politisch progressiv "retten". Lukács antwortet höflich und bestimmt mit dem humanistischen Gedanken, am "Bild des Menschen", wie er in einem Brief vom 2. 11. 1958 schreibt, festhalten zu wollen.

Für ihn ist die Literatur von der Romantik bis zum Existenzialismus und Surrealismus, von der Angst des modernen Menschen vor der kapitalistischen Entfremdung bestimmt. Der Antipode in Budapest begreift die Literatur seiner Zeit als ein Krisenphänomen: "Dieses Grundgefühl", heißt es in dem Brief, "bestimmt Kunst, Literatur, Philosophie etc. der ganzen Periode, gleichviel ob von Surrealismus oder Existentialismus die Rede ist. Nun ist aber der letzthinige Grund der Angst geschwunden, und die Menschen fangen an, gefühlsmäßig die Konsequenzen zu ziehen."

Rote Romantik

Noch schlimmer sei es, schreibt Lukács am 13. 6. 1961, "in der Theorie der roten Romantik", wo die Synthese als "Elemente einen Naturalismus aus der Zeit der neuen Sachlichkeit mit Victor Hugo oder Zola besitzt. Ich fürchte, dass eine Auffassung, wie die Deinige, solche Tendenzen verstärken kann." Realismus und Aufklärung sind für Lukács zwei Seiten einer Medaille. Das Verhängnisvolle an der im Modernismus fortwährenden Romantik ist Lukács zufolge, dass "die großen realistischen Traditionen" der eigenen Kultur in Vergessenheit geraten und etwa bei Aragon einer Synthese von Victor Hugo und "Sürrealismus" entsteht. Immer wieder versichern sich die Briefschreiber ihrer Übereinstimmung in grundlegenden Fragen. Zu viele Freundschaften sind an den ideologischen Differenzen zugrunde gegangen. Aber es schält sich immer mehr heraus, dass Fischer nicht mehr an das klassische Modell des Sozialismus glaubt, während Lukács davon träumt, den Marxismus als politische Philosophie in Differenz zur offiziellen Doktrin wiederherzustellen.

Ganz anders nehmen sich Tonfall und die persönlichen Konstellationen im Briefwechsel zwischen dem Marxisten Lukács und Günther Anders, dem einstigen Schüler Heideggers und ersten Ehemann Hannah Arendts, aus. Man steht sich freundlich, respektvoll und ein wenig distanziert gegenüber, aber stimmt, wenigstens punktuell in vielen Fragen erstaunlicherweise gut überein. Anders' gar nicht so verdeckter Existenzialismus kommt erst gar nicht zur Sprache. Lukács ist eine intellektuelle Autorität geworden, sodass den Briefschreiber aus Wien dessen Haltung zum Thema "Entfremdung" interessiert.

Lukács hebt lobend Anders' Kafka-Studie hervor, die dieser ihm wohl in den 1950er-Jahren in Wien überreicht hat. Er sieht sich durch Anders' sorgfältig-kritische Strukturbeschreibung des Werkes Kafkas in seiner Distanz zu diesem bestätigt. Es mag auch eine Rolle spielen, dass Lukács in Anders, der ganz offenkundig aufklärerische Formen des Schreibens bevorzugt, einen ästhetischen Bundesgenossen sieht.

Er bezieht sich auch auf den ersten Band der Antiquiertheit des Menschen sowie auf Anders' Publikationen über den Hiroshima-Piloten Eatherly. Später werden sich die beiden ungleichen Philosophen für die junge schwarze Kommunistin Angela Davis, eine Ikone der Nach-68er-Ära, einsetzen. Die Front der Unterstützer ist sehr breit, sie reicht von den Beatles bis zu Erich Honecker.

Zu Anders' Konzeption der Entfremdung äußert sich Lukács indes nicht direkt, er erwähnt nur Skepsis gegenüber der "durchschnittlichen Literatur" zu diesem Thema, der er "feige und falsche Selbstgefälligkeit" vorwirft. Wem er eine feige Position in der Entfremdungsdebatte zuspricht, darüber lässt der Meisterdenker aus Budapest keinen Zweifel, wenn er auf Adorno und Horkheimer verweist: Lukács spricht davon, dass "solche Autoren im 'Grand Hotel Abgrund' zu wohnen pflegen und diesen als besonders raffinierte Dienstleitung der heutigen Gesellschaft guten Wissens genießen". (Wolfgang Müller-Funk, DER STANDARD, 18.4.2015)


Wolfgang Müller-Funk, seit 2009 Professor für Kulturwissenschaften an der Uni Wien, ist Mitarbeiter des Arbeitskreises Lukács an der Abteilung für Finno-Ugristik ebenda. Auszug aus einem Vortrag, den der Autor bei einem Workshop am Collegium Hungaricum in Wien gehalten hat.

  • In einer schwierigen Situation zwischen seiner prinzipiellen Loyalität zu Sozialismus und marxistischer Orthodoxie einerseits und seiner Solidarität mit Dissidenten andererseits befangen: der ungarische Philosoph, Literaturwissenschafter und Literaturkritiker Georg Lukács.
    foto: ullstein bild / picturedesk.com

    In einer schwierigen Situation zwischen seiner prinzipiellen Loyalität zu Sozialismus und marxistischer Orthodoxie einerseits und seiner Solidarität mit Dissidenten andererseits befangen: der ungarische Philosoph, Literaturwissenschafter und Literaturkritiker Georg Lukács.

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