Unverwechselbar statt berechenbar

18. April 2015, 10:25
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Mittlerweile bestimmen Angst und eine "Ethik des Zählens" unseren Alltag: Ein psychoanalytisches Plädoyer für eine Ethik des sprechenden Subjekts

Seit nunmehr gut fünfzehn Jahren formiert der Begriff "Sicherheit" die politischen und sozialen Diskurse des Westens. Der gesellschaftliche Grundaffekt, der wie ein permanentes Hintergrundrauschen diese "Sorge um Sicherheit" stützt, ist die Angst. Denn spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind wir mit politischen und sozialen Krisen konfrontiert, die uns drastisch vor Augen führen, wie untauglich sich die im letzten Jahrhundert erworbenen Instrumente zur Interpretation gegenwärtiger Ereignisse erweisen. So ist das politische Konzept des territorialen Nationalstaates längst keine wirkmächtige Antwort auf supranationale Konflikte à la IS und Terrorismus mehr, und das soziale Konzept der bürgerlichen Familie muss auf Wünsche von Elternschaft und Fragen nach individueller Lebensführung ebenso seine Antwort schuldig bleiben.

Daraus resultierende Unsicherheiten produzieren Ängste. Um diese zu mildern, versprechen politisch-strategische Maßnahmen bestmögliche Sicherheitsstandards für ihre Bürger, ohne die Utopie solcher "Sicherheiten" grundsätzlich infrage zu stellen. Gegenwärtige Folgen derartiger Sicherheitsversprechen kleiden das Kulturgut des Zählens und Rechnens in ein schäbiges und immer enger geschnittenes Gewand: Risikoprognosen, Rankings, statistische Vorhersagen, Diagnosemanuale etc. produzieren dadurch eine neue Kategorie des Ethischen - eine "Ethik des Zählens", die die Unverwechselbarkeit des Individuums gegen dessen Berechenbarkeit tauscht.

Egal, ob als Flugpassagier, Patient im öffentlichen Gesundheitswesen oder zur bedingten Entlassung anstehender Strafgefangener - wir sind alltäglich mit ihren Folgen konfrontiert. Jedoch sobald sich die persönliche Frage des Individuums als Wunsch oder Krise gegenüber kollektiven Erwartungen stellt, bringt eine "Ethik des Zählens" - in der sich die Hoffnung verbirgt, Verhalten und Lebensführung des Menschen wären berechenbar und damit vorhersagbar - das Subjekt zum Schweigen.

Unter solch politischen Rahmenbedingungen wird die Psychoanalyse, insofern sie einer gänzlich konträren Ethik verpflichtet ist, zum widerständigen Diskurs gegenüber Maßnahmen der Entmenschlichung. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan reformulierte in einer Rückbesinnung auf die Arbeiten Sigmund Freuds dessen Theorie und erweiterte sie zu einer Praxis der Psychoanalyse, in deren Zentrum er die radikale Ethik des Subjekts stellte. Ein Subjekt, das für Lacan stets das Subjekt des Unbewussten war, "das spricht". Während eine "Ethik des Zählens" das symptomatische Sprechen des Einzelnen zugunsten statistisch und prognostisch relevanter Mehrheitskohorten konsequent zum Schweigen bringt, ermöglicht die psychoanalytische Kur den "unbewussten Wunsch" des Subjekts à la Freud zu formulieren bzw. sein "namenloses Begehren" à la Lacan im Sprechen zu umkreisen. Dessen Erfüllung stellt sie keinesfalls in Aussicht. Dies ist nicht wenig in einer Zeit, der die Orientierung einer patriarchalen Verbotskultur verlorenging. Während sie im unzensurierten Sprechen der Kur Linderung gegenüber solchen "vaterlosen Ängsten" ermöglicht, aber auch bereit ist, die spezifischen Ängste näher zu befragen, kultiviert die westliche Kultur die Abwehr als Lösung: möglichst raschen Genuss und spontanes Genießen. Allerorten fordert sie den Kick der Konsumation, propagiert sie den persönlichen Genuss als Glücksversprechen. Im Gegensatz dazu verspricht die psychoanalytische Kur nur eines: dem Individuum zu gestatten, weniger zu genießen, (sofern der Mensch zum Objekt seines eigenen, ungehemmten Genießens wird, zum Beispiel bei Süchten), indem es weiter spricht und von seinen Sorgen erzählt.

Obszöner Genussimperativ und Sicherheitspolitik verhalten sich zueinander wie das Phantasma allgegenwärtiger Bedrohung zu marktkonformer Interessenpolitik - es sind dies zwei Seiten einer neoliberalen Münze, mit der die Entwertung bürgerlicher Freiheitsrechte konsequent erkauft wird. Die Psychoanalyse kann der Politik ihre Verantwortung, Sicherheitsfragen und Freiheitsrechte gegeneinander abzuwägen, nicht ersparen, aber sie kann ihren Patienten helfen, das Risiko ihres eigenen Lebens auf sich zu nehmen, indem sie ausschließlich einer "Ethik des sprechenden Subjekts" verpflichtet bleibt: Patient und Analytiker begeben sich gemeinsam auf die Suche nach dem individuellen Phantasma. In einfachen Worten heißt, dies den spezifischen Symptomen des individuellen Lösungsversuchs auf die Spur zu kommen, die im Konflikt aus kindlichem Lustprinzip und Realitätsprinzip der Kulturforderung gründen.

Eine Ethik, die dem unzensurierten Sprechen ihrer Patienten verpflichtet bleibt, würdigt jeden Menschen als den "Einen" und dessen höchst "privaten" Lösungsversuch zur Bewältigung von Leben und Welt, als seine Möglichkeit von "in der Welt sein". In der Sprache der Psychoanalyse heißen solche Lösungsversuche "Symptome". Die Sprache aber ist nach Jacques Lacan bereits selbst ein Symptom, um mit dem Namenlosen der Existenz zurechtzukommen. Jedoch eröffnen in Wörter gekleidete Symptome Lebenschancen, die anderen Symptomen versagt bleiben: den "wortlosen" Symptomen des Körpers, der Sprachlosigkeit der Gewalt, wie auch der Logik jeder quantifizierbaren Messung, die nichts anderes als ein Symptom des Gesellschaftskörpers ist.

Indem der Analytiker die Bedeutung der Patientenworte nicht fixiert, sondern in ihrer Mehrdeutigkeit "öffnet", begegnet den beiden für Momente die Einzigartigkeit des Subjekts. Eine solche Ethik ist eine Ethik der Emanzipation und nicht der Normierung, eine Ethik des "keiner wie der andere" anstelle "einer unter allen". Das Subjekt zählt, aber es ist nicht zählbar. (Christian Kohner-Kahler, DER STANDARD, 18.4.2015)


Christian Kohner-Kahler, Jg. 1965, arbeitet als Psychoanalytiker, Supervisor und Bewährungshelfer in Wien.

Am 24./25. 4. findet im Wiener Sigmund-Freud-Museum, 9., Berggasse 19, der internationale psychoanalytische Kongress "Der sprechende Körper - Die Krise des Unbewussten und die Hysterie im 21. Jahrhundert" statt.

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