Ein Stinkefinger in Richtung Adolf Hitler

17. April 2015, 17:01
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New York ist nicht nur Schmelztiegel, in dem Identitäten amalgamieren. New York nimmt auf, verändert, vermengt und fügt bei, verdaut aber nicht zwingend. Wer bleiben will, wer er war, der kann das. Manche Flüchtlinge, die während des Zweiten Weltkrieges hier ankamen, besuchen Verwandte, sind nostalgisch, ohne dass sie je wieder in Europa sesshaft werden wollten. Manche Flüchtlinge weigern sich bis heute, ein deutsches Wort zu sprechen. Zeitbedingt bleicht diese Welt langsam ins Vergessen.

Seit 60 Jahren trifft sich im Wohnzimmer der 98-jährigen Gaby Glückselig eine Runde Emigranten, um Geschichten und Erinnerungen auszutauschen, um die Muttersprache zu pflegen. Erinnerung multipliziert sich durch das Aussprechen, Identität erhält sich durch Sprache. Dieser Stammtisch – ursprünglich von geflohenen Schriftstellern gegründet – veränderte sich über die Jahre, alte starben, junge Menschen stießen dazu: Historiker, später Gedenkdiener. Man wollte wissen. Hitlers Wirken war durch diese Schicksale spürbar.

Nicht jeder hatte jene Chuzpe wie der Vater von Lily Brett, der, bald 100-jährig, genüsslich Schokolade vertilgend auf das doch nicht 1000-jährige Reich zurückblickt und sich unbeugsam immer noch seines Lebens erfreut: ein personifizierter Stinkefinger in Richtung des durch Selbstmord gestorbenen Diktators. Wenn aber die Wissenwollenden jüngste Entwicklungen in der Exheimat erklären müssten: Das wäre schwierig, hunderte Menschen wurden bei der Gegendemo zu der Pegida-Bewegung wegen Störung einer Versammlung angezeigt. Die Hitlergrüße, die auf der Gegenseite vollzogen wurden, führten zu keinen Amtshandlungen der anwesenden Polizisten. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 18./19.4.2015)

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