Krimiserien: "Oft ist es so, dass sich zu viele einmischen"

Interview19. April 2015, 15:00
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Ronald Zehrfeld deckt als "Dengler" kriminelle Praktiken der Pharmaindustrie auf: Montag um 20.15 Uhr im ZDF

STANDARD: Sie spielen auffallend oft Männer, die für Gerechtigkeit kämpfen. Ein Faible?

Zehrfeld: Wer mich wie besetzt, müssen andere beurteilen. Ich frage mich bei meiner Rollenauswahl, was der Stoff mit mir macht, wie vielschichtig die Figur ist, wie vielfältig das Thema ist und was der Regisseur, die Regisseurin erzählen möchte.

foto: zdf / julia von vietinghoff
Ronald Zehrfeld als Hauptkommissar Tanner in "Das unsichtbare Mädchen".

STANDARD: Der Privatdetektiv Dengler ist eine klassische Ermittlerfigur. Was hat Sie gereizt?

Zehrfeld: Ausschlaggebend waren die Romane von Wolfgang Schorlau. Dengler verkörpert Werte, die mich ansprechen. Er ist aus dem aktiven Dienst ausgetreten, hat somit eine Entscheidung getroffen, für die er einen hohen Preis bezahlt hat. Er steht für etwas ein und möchte sich später nicht vorwerfen, er habe es nicht versucht.

foto: wdr / wolfgang ennenbach
Hier ermittelt Zehrfeld als Kommissar Heinz Gödicke im Krimi "Mord in Eberswalde".

STANDARD: Der erste Fall hat einige Sprengkraft, es geht um kriminelle Praktiken in der Pharmaindustrie.

Zehrfeld: Es ist wichtig, dass den Leuten vor Augen geführt wird, was da passiert. Dass es schon im Studium anfängt, wie Stipendien vergeben werden, wie Lobbygruppen funktionieren, wie öffentliche Gelder verteilt werden und wie sehr der Patient Kunde ist.

STANDARD: Haben Sie persönlich recherchiert?

Zehrfeld: Das gehört zu meinem Beruf. Zu meinem Glück studier
te einer meiner engsten Freunde Pharmazie, von ihm weiß ich einiges. Man muss den Leuten klar machen, dass Verantwortung nicht einfach so abzugeben ist.

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Mit Birgit Minichmayr spielt er den Privatermittler Dengler.

STANDARD: ARD und ZDF zeigen 452 Krimis pro Jahr. Ok für Sie?

Zehrfeld: Das hat mit unseren Sehgewohnheiten zu tun, wie die Redaktionen gerne sagen möchten. Es gibt viele, die einfach nur das Genre bedienen, und dann gibt es solche, die die Zuschauer mitnehmen und sie auch fordern. Davon würde ich mir mehr wünschen. Aber es ist nicht so einfach, und unter den aktuellen Produktionsbedingungen wird es nicht besser.

STANDARD: Wieviele Drehtage hatten Sie für 90 Minuten?

Zehrfeld: 24, und das ist mehr als der Durchschnitt. Weniger wäre nicht möglich, denn ich kann nicht einen starken Roman verfilmen und dann werden Drehorte gestrichen, weil sie zuviel kosten. Dem ZDF ist hier anzurechnen, dass sie uns vertraut haben.

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Zwischendurch außer Gefecht: Zehrfeld in "Dengler".

STANDARD: Also keine Einmischung der Redakteure, wie das von Filmschaffenden in Deutschland mitunter beklagt wird?
Zehrfeld: Es war die seltene Ausnahme, dass hier Leute zusammen kamen, die im Interesse des Buches und des Filmes handelten und uns nicht Steine in den Weg legten. Ich war selbst sehr überrascht, denn oft ist es so, dass sich zu viele einmischen. Deshalb ist es entscheidend, wie Produzenten, Redakteure, Kreative kommunizieren. Für mich ist es sehr wichtig, von Anfang an Bescheid zu wissen, wie hoch ist das Budget, wie viele Drehtage gibt es, wie ist das mit der redaktionellen Begleitung? In diesem Fall war es gut, und es gibt mir Hoffnung, dass sich etwas ändern kann.

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An der Figur Dengler reizte Zehrfeld die Werte.

STANDARD: Interessiert Sie die internationale Karriere?

Zehrfeld: Natürlich, das reizt jeden Schauspieler.

STANDARD: Stehen die Chancen dafür nicht besser denn je? Die Nachfrage nach Inhalten ist durch Abruffernsehen groß wie nie.

Zehrfeld: Ja, und dann muss ich mich beruhigen und mich immer wieder fragen: Was möchte ich? Was macht ein Stoff mit mir? Es gibt auf der einen Seite Ängste vor der Überflutung mit Stoffen, aber ich sehe auch großartige Filme und habe Wünsche und Ziele, mit internationalen Kollegen zusammenzuarbeiten. Aber da sind wir dann wieder bei Fördersystem, bei Geldern, bei Absatzmärkten, der deutschen Sprache. Da gibt es so viele Abhängigkeiten, aber es ist ein Wandel zu spüren.

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Trailer zum Film "Barbara": Ronald Zehrfeld und Nina Hoss unter der Regie von Christian Petzold.

STANDARD: Wie kriegt man den Fuß in eine internationale Produktion, etwa HBO?

Zehrfeld: Das kann ich schwer beantworten. Ich muss mich auf meine Arbeiten fokussieren, in der Hoffnung, dass sie wahrgenommen werden, dass die von mir gespielten Rollen mit den Entscheidungsträgern etwas machen. Man kann ja schlecht jemanden zwingen. (Doris Priesching, DER STANDARD, 18./19.4.2015)

Ronald Zehrfeld (38) wuchs in Ost-Berlin auf. Erste Rollen hatte er bei Peter Zadek und Hans Neuenfels am Deutschen Theater. Er spielt in Qualitätsfilmen und -serien wie "Im Angesicht des Verbrechens" , "Phoenix", "Barbara", "Weißensee" und "Tannbach".

Links:

Ronald Zehrfeld in Christian Petzolds "Phoenix - Das Gesicht einer Toten"

Birgit Minichmayr als Bertha von Suttner

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