Germanwings-Trauerfeier: "Wir erschrecken über das Böse"

Ansichtssache17. April 2015, 13:47
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Mit einem Trauergottesdienst und einem Staatsakt wurde im Kölner Dom der Opfer des Germanwings-Absturzes gedacht

Den Trauernden bot sich gleich zu Beginn ein eindrucksvolles Bild: Im Altarraum des Kölner Domes standen 150 weiße Kerzen – für jedes Absturzopfer eine. Es brannte also auch eine Kerze für den Copiloten, der die Maschine am 24. März absichtlich über den französischen Alpen zum Absturz gebracht haben soll. "Es sind 150 Opfer", hatte der Kölner Kardinal Rainer Woelki, der den Trauergottesdienst gemeinsam mit Annette Kurschus (Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen) abhielt, schon zuvor klargestellt. Das Urteil über den Copiloten müsse man Gott überlassen.

Der Kölner Dom war weiträumig abgesperrt, an der Trauerfeier, die zugleich als Staatsakt durchgeführt wurde, nahmen der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, Mitglieder der Regierung, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, Bundestagspräsident Norbert Lammert und der Vorsitzende des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, teil.

Eltern des Copiloten nahmen nicht teil

Sie saßen in den ersten Reihen, dahinter rund 500 Angehörige der Absturzopfer. Sie wurden in der Live-Übertragung für mehrere deutsche Fernsehsender nicht gezeigt. Vier Reisebusse mit Angehörigen waren aus Halten am See gekommen – jener kleinen Stadt, die 16 Schüler und zwei Lehrerinnen verloren hatte. Angereist sind auch Hinterbliebene aus Spanien und Vertreter der spanischen sowie der französischen Regierung, zudem der Bürgermeister von Le Vemet, dem Dorf, das der Absturzstelle am nächsten liegt. Auch die Eltern von Copilot Andreas L. waren eingeladen geworden, sie nahmen aber nicht am Gottesdienst teil.

"Unbegreifliches ist geschehen. Eltern und Kinder, Männer und Frauen, Freundinnen und Freunde, Kollegen und Kolleginnen wurden aus dem Leben gerissen", sagte Kurschus in ihrer Predigt. In dieser großen Trauer könne man an Gott eine Bitte richten: "Sammle unsere Tränen in deinen Krug. Mach unser Weinen zu Deinem."

Woelki zitierte die letzten Worte Jesu: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen." Und er erklärte: "Ich habe keine Antwort für Sie auf das schreckliche Unglück vom 24. März." Aber er könne "die Antwort zeigen", an die er selber glaube: "Gott, die Auferstehung und das ewige Leben. Wir glauben, dass diese 150 Menschen nicht verschwunden und ins Nichts gegangen sind, als sie aus der Welt geschieden sind."

Frage nach dem Warum

Ministerpräsidentin Kraft, aus deren Bundesland 65 der deutschen Opfer stammen, erinnerte an ihren Besuch an der Unglücksstelle in Frankreich und bedankte sich für die Unterstützung durch die vielen Helfer vor Ort. An die Hinterbliebenen gewandt, sagte sie: "Ich wünsche mir so sehr, dass Sie die große Anteilnahme spüren." Sie sagte außerdem: "Uns alle lässt das Geschehen nicht los. Trotz aller technischen und psychologischen Deutungen bleibt die quälende Frage nach dem Warum."

Copilot Andreas L. hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft an Depressionen gelitten, ihm drohte der Verlust seiner Fluglizenz. Beim Flug von Barcelona nach Düsseldorf hatte er den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt und dann absichtlich den Sinkflug eingeleitet.

"Trauer und Schmerz brauchen ihre Zeit", sagte Gauck, der in der DDR Pastor war, in seiner Rede. Es helfe das Gefühl, nicht allein zu sein. "Indem wir zueinander stehen, entsteht zwischen uns ein Band des Trauerns und Mitleidens. Dieses Band der Gemeinsamkeit spüre ich an diesen Tagen sehr stark." Der deutsche Bundespräsident thematisierte in seiner Rede das Entsetzen über die Entscheidung des Copiloten: "Uns fehlen die Worte für diese Tat". Er habe danach "ungläubiges Erschrecken" erlebt, aber auch "Trauer, die in Wut und Zorn umschlug". Man sei "konfrontiert mit einer verstörenden Vernichtungstat". Und: "Wir erschrecken über das Böse, das sich hier gezeigt hat."

Aber dennoch gebe es etwas, was uns Ja zum Leben sagen lasse: "Die Tatsache, dass der Mensch zum Guten fähig ist. Gerade im Angesicht von Katastrophen und Leid wachsen Menschen über sich hinaus." Gauck erinnerte auch an die Angehörigen von Andreas L.: "Auch sie haben einen Menschen verloren, den sie geliebt haben und der in ihnen eine Lücke hinterlässt." (Birgit Baumann, derStandard.at, 17.4.2015)

foto: reuters/fassbender

Trauerfeier für die Opfer des abgestürzten Germanwings-Flugzeugs.

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foto: ap/augstein

Insgesamt kamen 1.400 Gäste in den Kölner Dom.

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Auch davor versammelten sich Menschen.

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foto: reuters

Für jedes der 150 Opfer wurde eine weiße Kerze angezündet.

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foto: epa/gambarini

Lufthansa-CEO Carsten Spohr (links) und Germanwings-Geschäftsführer Thomas Winkelmann treffen ein.

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foto: epa/berg

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Daniela Schadt und ihr Lebensgefährte, Bundespräsident Joachim Gauck, und Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen.

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Auch Vizekanzler Sigmar Gabriel ist da.

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Kardinal Rainer Woelki spricht.

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Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, hält eine Rede.

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Deutscher Bundespräsident Gauck mit einem Vertreter der Rettungskräfte, die an der Absturzstelle tätig waren.

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Holzengel für die Gäste.

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