Datenanalyse: Forscher wollen Krisen und Kriege prognostizieren

17. April 2015, 12:23
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Medienberichte und soziale Netzwerke als Grundlage

Bricht auf der Welt irgendwo ein größerer bewaffneter Konflikt aus, ist die Öffentlichkeit meist überrascht. Nur selten kündigen sich solche Auseinandersetzungen verlässlich an. Forscher des International Peace Institute sind aber der Ansicht, dass die Wissenschaft bald Ordnung in das scheinbare Chaos bringen könnte, wie Technology Review berichtet.

"Big Data", die Auswertung großer Datenmengen, soll helfen, Muster zu erkennen und aus ihnen kommende Entwicklungen abzuleiten. Beim Versuch, Kriege vorherzusagen, wurden bislang hauptsächlich Ereignisse aus der Vergangenheit herangezogen – mit mäßigem Erfolg. Denn zu komplex und vielschichtig sind oft die Situationen, in welchen ein solcher Konflikt entsteht.

Potenzial

Dementsprechend sollen die Computer in Zukunft nicht mit Datenmaterial über historische Krisen gefüttert werden, sondern mit aktuellen Konverationen aus sozialen Medien wie Twitter oder Facebook sowie den Berichten von Medien. Ein Ansatz, der Potenzial hat, befinden Experten.

"Sie sind ein Sensor für Spannungen", erklärt dazu Karsten Donnay von der ETH Zürich. Per Textanalyse will man aus der Informationsflut ein aktuelles Stimmungsabbild der jeweiligen Region errechnen, analysiert wird dabei auch der Tonfall von Kommentaren und Meldungen und wie sich dieser im Laufe der Zeit verändert.

Schlagwörter und Stimmungen

Auf bestimmte Begriffe, deren vermehrte Verwendung einen Hinweis auf eine Verschlechterung der Lage geben kann, achtet Thomas Chadefaux vom Trinity College in Dublin. Erprobt wurde dies Bereits mit Daten aus den Jahren 1900 bis 2011, die aus Google News und sozialen Medien bezogen wurden. Hier konnte man ergründen, dass eine auffällige Häufung der betreffenden Schlagwörter in kurzer Zeit ein guter Indikator für das Auftreten eines gewaltsamen Konflikts ist.

Bis zu einem Jahr im Voraus waren auf diesem Wege vorhersagbar. Das Tool konnte auf Basis der historischen Daten erfolgreich Alarm für über 200 Krisen schlagen, darunter etwa den Jugoslawienkrieg. Was bei zurückliegenden Ereignissen gelang, muss für die Zukunft aber erst noch erprobt werden.

An der Georgetown University erprobt Kalev Leetaru ein Projekt namens Global Database of Events, Language and Tone (GDELT). Hier werden automatisch Medienberichte aus Zeitung, Radio und Internet ausgewertet. Dabei werden auch Zusammenhänge wie "Demonstranten von Regierungstruppen verhaftet" erfasst und Stimmungskurven errechnet. Stürzt diese ab, steht meist eine Krise bevor - wie sich etwa für Afghanistan 1979 oder den Volksaufstand Anfang 2011 im Rahmen des "arabischen Frühlings" zeigt.

Risiken

Die Experten verweisen aber auch auf Risiken. In vielen Ländern liefern Presseberichte mitunter nur verzerrte Daten, da es entweder keine freien Medien gibt, oder deren Freiheit zur Berichterstattung stark eingeschränkt ist. Dazu könnte ein erfolgreiches Voraussagewerkzeug die Medienberichte und damit seine eigenen Ergebnisse beeinflussen.

Das Potenzial an einer Konfliktvorhersage liegt dafür in der Möglichkeit, letztlich den Ausbruch bewaffneter Auseinandersetzung durch den Zeitgewinn verhindern zu können, in dem etwa diplomatische Maßnahmen gesetrzt werden. Es sei jedoch wichtig, dass derlei Analysen ausschließlich von unbeeinflussten Wissenschaftlern gemacht würden. Ein autokratisches Regime könnte ein derartiges Werkzeug eventuell missbrauchen, um präventiv gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen. (gpi, 17.04.2015)

  • In Nigeria kämpfen Regierungstruppen gemeinsam mit Soldaten aus dem Tschad gegen die Terrororganisation Boko Haram. Deren rasante Expansion hat viele Beobachter überrascht. Entwicklungen wie diese könnten sich aber in Zukunft vorhersehen lassen.
    foto: ap

    In Nigeria kämpfen Regierungstruppen gemeinsam mit Soldaten aus dem Tschad gegen die Terrororganisation Boko Haram. Deren rasante Expansion hat viele Beobachter überrascht. Entwicklungen wie diese könnten sich aber in Zukunft vorhersehen lassen.

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