Vier Bäume für eine Kindheit, Teil zwei

Glosse17. April 2015, 12:52
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Palmen, Zypressen, Pinien und Tamarisken sind die Bäume Dalmatiens. Meine Kindheit findet erst unter ihnen statt, dann auf ihnen. Und über die Zypresse habe ich im ersten Teil noch nicht alles erzählt ...

Die Kino-Zypresse

Die vierte Zypresse, die in meine Hagiografie der Bäume von Sutivan eingeht, ist eine "weibliche". Sie wächst nicht in unserem Garten, sondern in Sutivan an der Ostecke der Kavanjinovi Dvori, der nunmehr verfallenden Sommerresidenz des barocken Dichters Jerolim Kavanjin Capogrosso.

Doch mein Freund Josip und ich sind mit sechszehn Jahren nicht besonders an Kultur dieser Art interessiert. Die Dvori des Kavanjin sind nur ein ärgerliches Hindernis auf dem Weg zur Zypresse. Denn sie wächst genau hinter dem Sommerkino "Sutivan", und wenn man ganz oben in der Baumkrone sitzt, ist die letzte Reihe des Kinobalkons nur wenige Meter entfernt, sodass wer dasitzt, den Film nicht nur sehen, sondern auch hören kann. Und zwei oder drei Sommer lang sitzen Josip und ich fast jeden Abend auf den zwei "Logen-Ästen", die beste Aussicht auf die Leinwand bieten. Wir nennen sie bald nur noch "Kino-Zypresse" und sie wird zu unserem Aufenthaltsort; manchmal, um beide Vorstellungen zu sehen.

Weil der Kinobetreiber, der jüngere der Brüder Kalebić, zur Hälfte jedes Films die Rolle im alten Kinoprojektor wechseln muss, entsteht eine Pause, die auch wir nutzen, um im Kassenraum des Kinos Bier zu kaufen. Später wird uns das zu teuer, sodass wir die alte Potjeha wecken, die bereit ist, für ein paar Dinar aufzustehen und ihren abscheulich fuselnden Rotwein zu verkaufen. Manchmal ist der Kalebić schlecht gelaunt und spritzt mit einem Schlauch Wasser auf die Kino-Zypresse. Weil außer mir und Josip auch noch andere Kids im Baum hängen, entsteht kurzfristig ein Tumult. Josip und ich ertragen den Schauer stoisch, doch die Jüngeren lassen sich bereits vor Beginn des Films von uns einschüchtern, ihren Platz auf den beiden Logen-Ästen zu räumen, sodass sie der Guss des Kalebić endgültig vom Baum treibt. In der sommerheißen Nacht sind wir bald trocken, wieder durstig und beschließen, die Potjeha noch vor der Pause aufzuwecken.

Die Kino-Zypresse steht noch immer an dieser Ecke der Dvori. Letzten Sommer kletterte ich wieder auf die Logen-Äste. Allerdings zum ersten Mal in meinem Leben bei Tag. Von dort oben sah ich die nunmehr leere Betonfläche, die treppenförmig bis knapp vor die blätternde Leinwand reichte. Die wenigen Sessel, die noch da waren, waren dieselben wie damals, nur rostig und achtlos auf dem Beton verstreut, weil das Sommerkino "Sutivan" seit Beginn des Krieges in Kroatien geschlossen ist und der jüngere Kalebić nur noch von der Landwirtschaft lebt. Während des Krieges kaufte ich bei ihm Wein, weil die alte Potjeha schon Jahre zuvor gestorben war. Doch ihr Geist lebte in Kalebićs saurem und mit Schnaps "verbesserten" Wein weiter.

Es war einmal ein junger Soldat ...

Die letzte in der Gallerie der Zypressen von Sutivan hat eine mystische Qualität, weil sie Teil einer tragischen Legende ist. Der alte Kirigin hat sie meinem Großvater erzählt. Viele Jahre danach, an einem faulen Nachmittag in der Hängematte liegend, erzählte sie mein Großvater dann mir. Und wie fast jede Legende, hat auch diese konkrete Ereignisse zum Anlass und sichtbare Spuren als Nachlass.

Eine sichtbare Spur ist die Gedenktafel im Hafen von Sutivan, die an den Fall Italiens im Sommer 1943 erinnert. Die andere sichtbare Spur ist die Zypresse, um die es in dieser Legende geht. Sie steht noch immer neben dem Turm der Kirche des Hl. Rochus am alten Friedhof Sutivans. Sie ist eine "weibliche" Zypresse und ihre Krone ist auf den letzten Metern geknickt wie der gichtige Finger einer Greisin.

Doch beides soll nicht immer so gewesen sein. Als Italien kapituliert, ist diese Zypresse "männlich" und kerzengerade. Und in Sutivan befinden sich noch rund ein Dutzend italienischer Soldaten, hauptsächlich Artilleristen, die die Kanone hinter der Livka-Bucht bedienen. Unter ihnen ist auch ein junger Kanonier, dessen Name ungenannt bleibt, vielleicht weil man sich nicht erinnert oder nicht erinnern will. Die Nachricht vom Fall Italiens bewirkt eine Menschenjagd auf die italienischen Soldaten. Ein Mob, bewaffnet mit Jagdflinten, Beutegewehren und Macheten nimmt die Italiener gefangen. Doch was mit ihnen geschehen soll, ist unklar.

Manche sagen, man solle sie den Partisanen übergeben, sobald diese eintreffen. Andere wollen sie den Alliierten übergeben, falls diese vor den Partisanen eintreffen. Doch viele wollen auch, dass die Italiener sofort hingerichtet werden. Es sind jene, die in den Jahren der Besatzung ihre Angehörigen in Massakern, im Partisanenkampf und bei den Einäscherungen ganzer Dörfer durch die Italiener verloren haben und nun einfach nur Rache wollen – egal ob diese Italiener Blut an den Händen haben oder nicht. So einigt man sich darauf, erst mal festzustellen, ob man auch alle erwischt hat. Die Zählung und einige mit Grobheiten erlangte Angaben der Gefangenen ergeben, dass ein Italiener noch nicht gefasst ist. Dieser ist der junge, namenlose Kanonier, der nun irgendwo in Sutivan zitternd und schwitzend hockt, und den es aufzustöbern gilt.

Die Detaills seiner Aufstöberung überspringt die Legende und geht gleich in den dritten Akt. Hier ist der italienische Soldat bereits auf der atemlosen Flucht vor dem Mob, der ihn den Hügel zum Hl. Rochus treibt. Er versucht, sich im Kirchturm zu verstecken, doch der Mob entdeckt ihn und einige der bewaffneten Stivanjani stürmen nun hinauf zum Glockenboden. Weil er ein schlimmes Ende in den Händen der wütenden Rächer fürchtet, springt der junge Italiener in die Tiefe. Dabei schlägt sein Körper auf die Spitze der Zypresse unter dem Turm und bricht sie. Dafür bricht die Zypresse das Rückgrat des jungen Kanoniers, der tot ist, bevor er noch auf dem steinigen Boden aufschlägt. Die Mystik der Legende setzt ein, als die geknickte Stelle der Zypresse zuheilt und zur Seite geneigt weiterwächst. Und als sichtbar wird, dass aus der "männlichen" Zypresse Sommer für Sommer immer mehr eine "weibliche" wird, bis sie mit weit ausladender Krone so aussieht, wie man es heute sehen kann.

Echo der Vergangenheit

Aus Neugier, und weil ich bis zu dieser Wissenserweiterung auf dem Gebiet der Sutivaner Legenden die Zypresse am alten Friedhof nie beachtet habe, gehe ich am nächsten Tag auf den Friedhofshügel. Die Zypresse des Italieners sieht genauso aus, wie von Kirigin und später von meinem Opa erzählt.

Sie steht neben dem Kirchturm des Hl. Rochus, sie ist "weiblich", sie ist geknickt, und an der Stelle, wo sie einst gebrochen ist, ist ein Knubbel aus Holzgewebe – eine verheilte Baumwunde. Doch ob sie früher "männlich" gewesen ist, kann man heute nicht mehr feststellen. Ebensowenig, wie man das wahre Schicksal des jungen Kanoniers feststellen kann. Oder ob sein unschuldig erlittener Gewalttod bewirkt hat, dass seine unschuldig geopferte Seele den Baum das Geschlecht wechseln hat lassen. Das Schicksal der gefangenen Italiener ist auch nicht überliefert. Wahrscheinlich hat man sie den Partisanen übergeben, oder, was ich vermute, weil ich die Stivanjani gut kenne, hat man sie unter Beschimpfungen davongejagt. Nachdem man ihnen die Waffen, die Uhren und das Bargeld abgenommen hat. Schließlich war der Krieg zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht zu Ende.

Doch ein mögliches anderes Schicksal dieser Italiener kann man erst seit wenigen Jahren erahnen. Speläologen aus Split, die eine vertikale Karsthöhle in der Nähe von Sumartin untersuchten, fanden auf ihrem Grund Skelette deutscher Soldaten, die noch in den Überresten ihrer Uniformen steckten. Eine forensische Untersuchung war überflüssig, weil alle drei gefundenen Schädel Einschusslöcher auf dem Hinterkopf aufwiesen. Die Rekonstruktion ergab, dass die Erschossenen während der Landung der Alliierten auf Brač 1944 in die Höhle geworfen worden waren. Vielleicht ruhen in einem der Karstabgründe, die es auch um Sutivan gibt, noch immer die italienischen Artilleristen, zugedeckt im Schweigen einer Legende und dem Schweigen der Täter. Vielleicht ist der junge italienische Soldat doch eine ganz real in den Tod gehetzte Kreatur Gottes. Und vielleicht ist sein Name sogar Rocco.

Schauckeln unter Pinien

Wenn es um Pinien geht, ist man in Sutivan ungeteilter Meinung: Pinien sind unnützes Unkraut, Pinien ersticken jedwede Vegetation unter ihrer Krone, uralte Pinien werfen den größten Schatten, doch nur fast so groß und angenehm wie jener Schatten, den uralte Feigenbäume werfen.

Wir haben zwei uralte, große Pinien auf unserem Grundstück. Unter der einen, die in zwei große Stämme zweigt, liegt das Haus. Die andere, am Rand des Gartens, ist der Baum, den ich am öftesten in meinem Leben erklettert habe. Sie wird "Schaukel-Pinie" genannt, weil an ihr unsere erste Schaukel hing. Dann die zweite, dritte und vierte, weil wir so viel geschaukelt haben, dass alle paar Sommer eine neue Schaukel erforderlich wurde. Das beliebteste Schaukelspiel nannten wir "Reise nach Bayern". Warum es ausgerechnet Bayern gewesen ist, weiß ich heute nicht mehr. Wahrscheinlich gefiel uns Kindern der Klang. Beim Spiel ist die Schaukel eine Kutsche, das sitzende Kind ein Reisender und hinter ihm, auf Fußspitzen am Rand der Sitzfläche balancierend, ein stehendes Kind, dass der Kutscher ist. Seine Aufgabe ist es, die Schaukel in Schwung zu halten, während der sitzende Passagier die Landschaft genießt. Nach einigen Kilometern wird gewechselt.

Später bauten wir eine Plattform aus Brettern, die vom Hausbau übrig waren. Die Schaukel wurde irgendwann nicht mehr montiert, weil die Pinie als nunmehrige Baumhaus-Pinie viel aufregendere Spiele zuließ. Mal war die Plattform die Brücke der Enterprise, mal ein U-Boot auf geheimer Mission. Oft waren wir nur oben, um das Gefühl der Illusion einer erwachsenenfreien Zone zu genießen, manchmal imitierten wir die Erwachsenen mit Kartenspielen und Kaffeetrinken. Und manchmal flüchtete ich vor dem Zorn meines Vaters oder meiner Oma auf die Plattform in der Pinie.

Bei meinem Vater war das immer erfolglos, weil er gut klettern konnte, bei der Oma war es immer erfolgreich, weil sie dick und gichtig war. Kurz nach dem Krieg fällt diese Pinie auf Opas kleinen Weingarten, umgeworfen von einem der heftigsten Bura-Stürme, den die Stivanjani in Erinnerung haben. Die Böe, die die Pinie in einem einzigen Ansturm umhaut, ist so gewaltig, dass der Baum nicht knickt, sondern buchstäblich mit der Wurzel ausgerissen wird und einen tiefen Krater hinterlässt.

Die "Reise nach Bayern" ist heute nur noch eine Erinnerung, wenn ich an der Stelle, wo einst die Pinie gestanden ist, vorbeigehe, um Essensreste auf den Komposthaufen zu werfen. Dann sage ich zu meiner Freundin: "Ich reise kurz nach Bayern." Dabei blicke ich zur großen Pinie, die noch da ist und überlege, wo ich eine Schaukel und später eine Plattform anbringen kann. Damit auch mein Sohn und seine Spielkameraden eine Enterprise haben können. Letzten Sommer begutachtete ich einige Äste und glaubte, eine gute Stelle gefunden zu haben. Eine, die ich auch im Zorn noch hochklettern kann.

Tamarisken sind öd!

Was die Stivanjani von den Pinien halten, das meine ich zu Tamarisken. Sie wachsen so nah am Meer wie keine andere Pflanze, weil sie viel Salz vertragen. Sie werfen jedoch keinen brauchbaren Schatten, weil ihre weichen, nadelartigen Blätter wie Gras aussehen, das aus dünnen Ruten wächst.

Man muss eine Tamariske nicht erklettern, weil das kein großer Sieg wäre. Die meisten sind gerade mal drei Meter hoch und knorrig, sodass man gelegentlich sogar Hunde auf Tamarisken sieht, die einer Katze nachjagend vergessen, dass sie gar nicht auf Bäume klettern können. Die Eigenschaft der Tamariske, die uns Kindern geradezu verhasst gewesen ist, sind ihre dünnen, rutenartigen Zweige. Sie dienen seit Menschengedenken den Stivanjani, um ihre Kinder damit zu züchtigen. Was meinen Vater inspiriert hat, es ihnen gleichzutun. Möglicherweise pisse ich deswegen am liebsten auf Tamarisken. Nüchtern und im Vollrausch.

Es sind nur mehr halb so viele Bäume auf unserem Grundstück, als es noch in meiner Kindheit gewesen sind. Manchmal sehe ich sie auf alten Fotos, die meine Mutter in Wien in ihrer "Schublade der Erinnerungen" aufbewahrt. Und manchmal nur in meinen Träumen. (Bogumil Balkansky, 17.4.2015, daStandard.at)

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