Vogelpopulation: Der Frühling in Fukushima wird stiller

17. April 2015, 18:23
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Vögel in den verstrahlten Gebieten Japans leiden immer stärker unter der Radioaktivität. Noch profitieren Zugvögel von ihrer temporären Auszeit

Das Erdbeben nahe Japans Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi 2011 führte zur größten Katastrophe in der Geschichte der nuklearen Energie seit Tschernobyl. Mehr als 100.000 Menschen verließen ihre Wohnorte, um den Folgen der Radioaktivität zu entkommen – zurück blieben tierische Bewohner, die der unsichtbaren Gefahr nach wie vor ausgeliefert sind. Forscher von der University of South Carolina wagen sich seit vier Jahren in die Gebiete vor, um die Folgen der Verstrahlung auf Vogelpopulationen zu messen.

Die Nuklearkatastrophe hinterließ in der Vogelwelt deutliche Spuren, wie eine kürzlich im "Journal of Ornithology" erschienene Studie zeigt. Zählungen der Wissenschafter zwischen 2011 und 2014 ergaben, dass viele Arten einen Rückgang verzeichnen. Je stärker das Gebiet verstrahlt war, umso größere Verluste verzeichneten die Vogelpopulationen. Die Untersuchung bestärkt außerdem die These, dass sich negative Effekte auf das Erbgut mit der Zeit anhäufen.

Die Anzahl der Rauchschwalben fiel von mehreren Hundert Exemplaren auf einige Dutzend ab. Frühling sollte die Zeit sein, in der Vogeljunge flügge werden, aber die Forscher beobachten immer weniger Nestlinge der 57 untersuchten Vogelarten beim ersten Flügelschlag.

Ein zweites Tschernobyl?

Schon einmal verwandelte ein Reaktorunglück ungeplant einen ganzen Landstrich in ein Laboratorium für Wildleben unter besonderen Bedingungen: Ohne Menschen, dafür radioaktiv verstrahlt. Die Bilder aus der Geisterstadt Prypjat suggerieren ein Naturparadies, unterdessen streiten Wissenschafter noch über die Auswirkungen der Katastrophe auf das Tierreich.

Das heutige verstrahlte Gebiet um Fukushima unterscheidet sich sowohl in der Reichweite als auch in der Menge und Zusammensetzung des radioaktiven Materials von Tschernobyl – der nukleare Zwischenfall verlief für Japan insgesamt glimpflicher. Trotzdem ziehen Anders Moller vom CNRS in Frankreich und Tim Mousseau von der University of South Carolina Parallelen zwischen der japanischen und der ukrainischen Vogelwelt. Vögel sind aufgrund ihres geringen Körpergewichts und der hohen Nahrungsaufnahme besonders stark von der Verstrahlung betroffen. Deshalb sinkt in Fukushima genau wie in Tschernobly die Anzahl der Vögel, während sich andere Spezies mit den neuen Bedingungen besser arrangieren können.

Nomaden geht es zunächst besser

Überraschend war, dass sich die Auswirkungen auf Zugvögel in den beiden radioaktiven Habitaten genau entgegengesetzt entwickeln. Die tierischen Nomaden scheinen in Japan durch ihre temporäre Präsenz den Gefahren durch Verstrahlung besser zu entkommen. Auf lange Zeit könnten Zugvögel aber stärker von genetischen Schäden betroffen sein, wie Vergleichswerte aus Tschernobyl zeigen.

Zugvögel haben einen entscheidenden Nachteil gegenüber den ständigen Bewohnern. Nach der anstrengenden Reise befinden sich Antioxidantien wie Vitamin E und Carotinoide im Organismus auf ihrem niedrigsten Stand. Damit schwinden die Reparaturmechanismen für Schäden im Erbgut. Über die Zeit summieren sich dann die negativen Effekte.

Offene Fragen bleiben

Die Forschung gestaltet sich unter den gegebenen Umständen oft schwierig. Im ersten Sommer nach der Katastrophe fehlte die Erlaubnis, in stärker verstrahlte Gebiete vorzudringen, und auch danach sahen sich die Forscher immer wieder mit Sperrzonen konfrontiert. Sie mussten sich daher auf Gebiete mit relativ geringer Hintergrundstrahlung beschränken. Deshalb bleiben manche Rätsel noch ungelöst: Die Rauchschwalbe beispielsweise ist besonders stark von der Dezimierung betroffen, obwohl im Erbgut der Nestlinge keine Änderungen festgestellt werden konnten.

Was sich dennoch klar abzeichnet, stimmt die Forscher negativ: Obwohl die Verstrahlung kontinuierlich sinkt, verstärken sich die Effekte der Nuklearkatastrophe auf die Vogelwelt Jahr für Jahr. (stum, derStandard.at, 17.4.2015)

  • Bei den Rauchschwalben in Fukushima zeichnet sich ein dramatischer Rückgang in der Population ab. Die genauen Umstände konnten Forscher noch nicht klären – sie durften sich nur begrenzt in verstrahlten Gebieten aufhalten.
    foto: dpa-zentralbild/patrick pleul

    Bei den Rauchschwalben in Fukushima zeichnet sich ein dramatischer Rückgang in der Population ab. Die genauen Umstände konnten Forscher noch nicht klären – sie durften sich nur begrenzt in verstrahlten Gebieten aufhalten.

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