Genozid als Prüfstein für die Türkei

Kommentar17. April 2015, 05:30
137 Postings

Ohne Anerkennung des Armenier-Völkermords ist der Weg nach Europa nicht offen

In den ersten Jahrzehnten nach 1945, schrieb der große verstorbene Historiker Tony Judt in seinem Buch Postwar, beruhte die europäische Identität auf dem politischen Zwang, die Gräuel des vergangenen Jahrhunderts nicht zu erwähnen oder gar zu vergessen. Doch seit 1989 habe sich das ins Gegenteil gedreht: Die Kultur der Erinnerung und Vergangenheitsbewältigung ist eine tragende Säule des modernen Europa, mit Auschwitz als geistigem Kristallisationspunkt.

Das macht den aktuellen Streit zwischen Europa und der Türkei um den Armenier-Genozid von 1915 so emotionell und explosiv. Der Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs kann sich seit fast einem Jahrhundert nicht dazu aufraffen, den historischen Tatsachen, die von keinem seriösen Wissenschafter angezweifelt werden, ins Gesicht zu sehen und zuzugeben, dass abseits der Kämpfe des Ersten Weltkriegs ein Völkermord an anatolischen Christen stattgefunden hat.

Das liegt vor allem daran, dass die Leugnung des Genozids ein Fundament des modernen türkischen Staates ist: Einerseits war die Führung rund um Republikgründer Kemal Atatürk - allerdings nicht er selbst - persönlich in die Verbrechen verstrickt. Andererseits beruhte die damals geschaffene neue nationale Identität auf der Chimäre einer ethnisch einheitlichen Bevölkerung: Da in der Türkei weder Kurden noch Armenier existieren dürfen, könne es auch keinen Völkermord geben.

Und jeder, der diese Lebenslüge nicht hinnimmt, wird mit zornigen Protesten, Strafverfolgung oder - im Fall des jungen Nachbarlands Armenien - mit einer wirtschaftlichen und politischen Blockade bestraft. Die jüngsten aggressiven Ausfälle des türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan und seiner Mitstreiter gegen den Papst und das Europaparlament sind Teil einer langen Tradition.

Dabei hätte gerade Erdogans islamische AKP die Chance gehabt, diese nationale Neurose zu überwinden. Denn er steht nicht in der kemalistischen Tradition und hat gerade bei den Beziehungen mit den Kurden begonnen, ein neues, nichtnationalistisches Selbstbild seines Landes zu schaffen, das auch mit einem Genozid vor hundert Jahren vereinbar wäre. Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren Bewegung in Richtung einer Anerkennung der historischen Schuld - verbunden mit einer Annäherung an Armenien.

Dass dieser Prozess vor dem 100. Jahrestag der Massenmorde zum Stillstand kam, hat viel mit Erdogans autoritärer Führung und seiner wachsenden antieuropäischen, antiwestlichen und antisemitischen Geisteshaltung zu tun. Deshalb ist der Konflikt um den Genozid mehr als nur ein Streit um Bezeichnungen und Gesten. Hier geht es um die grundsätzliche Frage, ob sich die Türkei als Teil der westlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Welt sieht oder einen nationalen Sonderweg anstrebt, ähnlich wie starke Kräfte in Wladimir Putins Russland.

Es gibt viele weitere Gründe, dass die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei stocken. Aber eines ist klar: Genauso, wie kein Land der Union heute die Mitschuld an Judenverfolgungen und anderen Verbrechen leugnen darf, ist die Türkei erst reif für die EU, wenn sie die Verantwortung für den Armenier-Genozid ohne Wenn und Aber übernimmt. Das wird wohl noch einige Jahrzehnte dauern; auch der EU-Beitritt liegt daher in weiter Ferne. (Eric Frey, DER STANDARD, 17.4.2015)

Share if you care.