Brauchen wir ein Haus der Geschichte?

Kommentar der anderen16. April 2015, 17:23
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Es kann jedenfalls kein traditionelles Museum, sondern muss Ort der Diskussion sein

Der Neustart für ein "Haus der Geschichte", initiiert von Minister Ostermayer, löst erneute Debatten über die Sinnhaftigkeit eines solchen "Hauses" aus.

Erstens: Braucht es ein solches Haus überhaupt noch in Zeiten, da die Nationalstaaten in einem größeren Europa aufgehen sollen? Und zweitens: Wann beginnt denn die Geschichte Österreichs - mit der Zweiten Republik, mit der Ersten Republik oder doch schon viel früher?

Bei einigem gutem Willen lassen sich auf beide Grundsatzfragen vernünftige Antworten finden.

1. Die Integration Europas kann nicht zum Ziel haben, die historisch gewachsenen gesellschaftlichen und kulturellen Identitäten der europäischen Staaten aufzulösen.

Diese Identitäten sind aber nicht in "nationalen" Museen darzustellen, sondern nur in einem breiteren europäischen Kontext, der die Zusammenhänge, die positiven wie die negativen Verflechtungen zwischen den Staaten Europas aufzeigt. Europäischer Kontext und nationale Selbstvergewisserung schließen einander nicht aus.

2. Der Fall Österreich ist besonders kompliziert. Österreich ist eine klassische "verspätete Nation", die ihr Selbstverständnis über lange Zeit aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem damaligen Deutschen Reich und den nichtdeutschsprachigen Völkern der Habsburger-Monarchie sowie den aufstrebenden Nationalismen in Mittel- und Südosteuropa abgeleitet und erst spät ihre eigene Identität entwickelt hat.

Daher erscheint es sinnvoll, die neuere Geschichte Österreichs mit jener Epoche zu beginnen, die das neuere Europa langfristig geprägt hat, auf deren Werte sich das heutige Europa immer wieder bezieht: mit der Aufklärung, mit der Forderung nach Menschenrechten und Verfassung, mit der bürgerlichen Revolution, die 1848 ganz Europa erfasst hat. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich im Raum des heutigen Österreich die Anfänge jener politischen Bewegungen, die bis heute das politische Leben des Landes dominieren, aber auch alle jene politischen Strömungen, die die Katastrophen des 20. Jahrhunderts vorbereiteten.

Gleichzeitig war diese Jahrhunderthälfte bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs eine Zeit kulturellen Aufschwungs bis hin zu jener künstlerischen und wissenschaftlichen Avantgarde, die Österreich, vor allem Wien, zum "Labor der Moderne" machte. Auch diese Komplexität hat ein modernes "Haus der Geschichte" zu dokumentieren.

Die Erste Republik und die Zerstörung der Demokratie sind ebenso darzustellen wie Österreichs Weg in den Nationalsozialismus - inklusive aller offenen Fragen und Kontroversen. Österreichs Rolle, besser der Rolle von Österreichern in der Zeit der NS-Herrschaft, muss ein wichtiges Kapitel im "Haus der Geschichte" gewidmet werden, dem Anteil der Österreicher an den Verbrechen der NS-Herrschaft, aber auch ihrem Anteil am Widerstand gegen Hitler. Ein "Haus der Geschichte" kann Konsens nicht herstellen, sondern muss auch Dissens darstellen. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für die Zweite Republik, ihren Weg nach Europa und ihre Beziehungen zu den Nachbarstaaten, ihre innen- und außenpolitischen Entwicklungen.

Diese Überlegungen führen zu einem zentralen Punkt in der aktuellen Diskussion: Das "Haus der Geschichte" kann kein Museum im traditionellen Sinn sein, es muss ein Ort des öffentlichen Diskurses, der öffentlichen Debatten werden und als wichtiger Vermittler von politischer Bildung fungieren. Dazu braucht es auch geeignete Räume - die müssten sich in der Hofburg auch finden lassen - mit der Möglichkeit von Filmvorführungen, neu produzierten Videos zu Sonderausstellungen und Installationen. Der Visualisierung von Geschichte ist bei der zukünftigen Planung ganz besonderes Augenmerk zuzuwenden. (Trautl Brandstaller, DER STANDARD, 17.4.2015)

Trautl Brandstaller ist Journalistin und lebt in Wien.

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