Elina Garanca: Klugheit trifft Sinnlichkeit in jedem Ton

16. April 2015, 16:14
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Solistenkonzert an der Staatsoper

Wien - Ohne Handygeläute, penetrante SMS-Signale und kollektiven Hustenreiz wäre dieser Abend quasi nahe am Gottesbeweis gewesen - zu schön und zu gut, um wahr zu sein. Die Reihe der Liederabende in der Staatsoper hat zwar an sich etwas Verwegenes, widerspricht doch die Intimität des Genres dem großen Theaterraum. Doch Elina Garanca gelang es anscheinend mühelos, diese Schwierigkeit zu überbrücken, indem sie die Darstellung kleinster Gefühlsregungen mit ihrer wahrlich raumfüllenden Präsenz zu verbinden wusste.

Es geht ja die Rede, Lieder seien nichts anderes als kleine (Opern-) Szenen. Bei der Mezzosopranistin bewahrheitet sich dieser Satz insofern, als sie die erzählten Geschichten mit opernhafter Gestik untermauert - sofern man darunter nicht ein Klischee, sondern eine natürliche darstellerische Präsenz und Eindringlichkeit versteht. Auch stimmlich lotete sie die Liebesregungen und Frühlingsgefühle in einer Gruppe von Johannes-Brahms-Liedern bis aufs Letzte aus.

Sehr textdeutlich

Garanca machte nicht nur den Text bewundernswert verständlich - eine schon akustisch kritische Aufgabe. Vor allem verband sie Feinheiten der sprachlichen Artikulation mit vokalen Nuancen und das Ganze mit einem Spannungsbogen, der von den makellosen, dabei ungekünstelten Phrasen einzelner Lieder bis zur Verbindung zwischen ihnen reichte. Klugheit und Sinnlichkeit schienen bei ihr dasselbe zu sein.

Einen originellen Kontrast brachten drei leuchtende Gesänge von Henri Duparc, dessen irgendwo zwischen Wagner und Debussy oszillierendes Farbenspiel auch dank des sanft funkelnden Klavierparts von Malcolm Martineau berückte. Überhaupt schaffte dieser Pianist spielend den Spagat zwischen eigenständiger Gestaltung und anschmiegsamer Begleitung.

Auch bei der Auswahl an Liedern von Sergej Rachmaninow fand er die Mitte zwischen Illustration und Raum für die Gefühlswelten der Sängerin. Und auch hier bot Garanca nicht nur luxuriöse Farben und Bögen, sondern auch Seele in jedem Ton. Drei Zugaben, Blumen, Husten, Jubel und Glücksgefühl. (Daniel Ender, DER STANDARD, 17.4.2015)

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