Nowhere Train: Mit der Zeit gehen – und mit der Zeit gehen

17. April 2015, 05:30
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Das Wiener Septett veröffentlicht mit "Tape" ein heiter-melancholisches Country-Album. Das Jauchzen und Greinen, Singen und Klatschen begeistert auch live. Derzeit ist die Band auf Tour, am Montag steht Wien auf dem Programm

Wien - Von der Schweizer Band Die Aeronauten gibt es ein schönes, noch aus dem 20. Jahrhundert stammendes Lied, das sich "Countrymusik" nennt. Darin heißt es: "Es ging etwas lang / Doch langsam kriegen wir raus / Wie der Computer geht / Wir reden in unser Handy / Und hoffen, dass uns dabei niemand sieht / Modefarbe Orange / Und was im Radio läuft / Erweicht und das Gehirn / Mit der Zeit fängt man an / Sich für Countrymusik zu interessieren."

Zumindest in der Geschichte des Indie-Pop kann man die Behauptung nachvollziehen, dass mit dem Alter oft nicht nur körperliche Beschwerden und eine Totaldesillusionierung einhergehen. In späten biografischen Kapiteln wird dann auch beinahe unweigerlich Countrymusik interessant.

Das Tempo der Lieder muss nicht mehr dauernd Dringlichkeit einfordern. Textlich will man nicht länger nur mit Liebe und Lalelu belügen, wenn man auch "Heinrich! Mir graut vor dir" singen kann. Und während man in sein Bier weint, fällt einem ein, dass kleine Klare bis zu einem gewissen Grad stimmungsaufhellend sein können.

Das Wiener Allstar-Septett Nowhere Train startete 2009 als hörbare Variante der Bremer Stadtmusikanten. Es fand überall etwas Besseres als den in Sichtweite kommenden Tod, spielte an ungewöhnlichen Orten wie Gefängnissen oder Bauernhöfen, fuhr Zug, versuchte sich im Bus nicht schon wieder zu streiten, pflegte mitunter einen Lebensstil, den man als Hangover kennt.

Die aus Bands wie A Life A Song A Cigarette, Love And Fist, Naked Lunch oder Play The Tracks Of kommenden Musiker haben über die Jahre auf ihrem frischen, dritten Album "Tape" (Vertrieb: Hoanzl) nicht nur entdeckt, dass dieses englische Wort Band heißt, was bedeutet, dass Nowhere Train nicht länger Egokämpfe ausfechten müssen, weil sie nun Teamplayer sind, es wurde auch ohne blöde Computer nach früheren Ausflügen in den Folk und sanften Rock deep in the heart of pannonische Tiefebene ein astreines Country-Album eingespielt. Und zwar live ohne Overdubs und analog mit Bandmaschine.

nowhere train

Die Lieder verbreiten trotz aller Country-Klischees bei oft auch stimmungsaufgehelltem Tempo und hoher Melodieseligkeit trotzigen Zweckoptimismus und Durchhaltewillen auf Englisch. Zu "Play In The Sun" gibt es ein altersunwürdiges Happy-go-lucky-Video. Und mit Ernst Moldens "Hammerschmidgossn" wird bewiesen, dass Country eh nicht von den Amis erfunden wurde. Die haben ihn einst beim Auswandern von daheim mitgenommen. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 17.4.2015)

Live unter anderem am Montag, 20. April, im Wiener Stadtsaal, 20 Uhr

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nowheretrain.com

  • Es geht ein Zug nach Nirgendwo: Das Wiener Septett Nowhere Train stellt sein neues, spitzenmäßig mitsingbares Album "Tape" derzeit auf umfangreicher Österreich-Tour vor.
    foto: andreas jakwerth

    Es geht ein Zug nach Nirgendwo: Das Wiener Septett Nowhere Train stellt sein neues, spitzenmäßig mitsingbares Album "Tape" derzeit auf umfangreicher Österreich-Tour vor.

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