Korruption an Hochschulen: Klingende Titel, gutes Geschäft

17. April 2015, 11:02
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In Südosteuropa werden Plagiate und Korruption an den Unis kaum geahndet. Das hat mit Privatunis zu tun und mit Politikern, die sich gern mit Titeln schmücken

Sarajevo- Es waren pathetische Worte, die der serbische Präsident "als Beschützer der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste" am 7. März in Salzburg unter anderem an seinen Kollegen Heinz Fischer richtete. Tomislav Nikolic versteht die "Ehre", nun Protektor der Akademie zu sein, "auch als Versprechen, dass wir in Zukunft mit gleichem Willen die Standards der Kenntnisse, Kreativität und wissenschaftlicher Errungenschaften fördern werden".

Kurz vor seiner Wahl 2012 war ihm vorgeworfen worden, dass er seinen Mastertitel an der Fakultät für Management in Novi Sad nicht auf normalem Weg bekommen haben soll. Studenten erinnerten sich nicht, ihn je im Unterricht gesehen zu haben. Seitdem trägt er auch den Spitznamen "Toma Diploma". Die Echtheit des Titels wurde aber von der Uni bestätigt.

"Sinkende wissenschaftliche Standards"

Die Ernennung von Nikolic und dem montenegrinischen Premier Milo Djukanovic zu Protektoren der Europäischen Akademie für Wissenschaften sorgte unter Südosteuropa-Wissenschaftern für Erstaunen. Florian Bieber, Leiter des Zentrums für Südosteuropastudien in Graz, etwa meint, dass beide Politiker Mitverantwortung für "sinkende wissenschaftliche Standards, die Tolerierung von Korruption und Titelverkauf" trügen und keine passenden Protektoren seien.

Das politische Klima in Südosteuropa drohe allgemein "das bereits schwache Hochschulsystem weiter zu schwächen. Moralisch und rechtlich bedenkliche Praktiken wie Plagiate und die Reduzierung von Hochschulabschlüssen auf Titel, mit denen sich Amtsträger schmücken", normalisierten sich.

Der Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften, Felix Unger, erklärt, dass es Wunsch "der serbischen Mitglieder der Akademie war, Nikolic zum Schirmherrn zu machen". Er sei dies nur "für die serbischen und nicht für die anderen Mitglieder". Außerdem habe ein Schirmherr "nichts mit der Wissenschaft zu tun", so Unger zum STANDARD.

Politiker im Hochschulgeschäft

In Südosteuropa kann man an manchen Unis nicht nur einzelne Prüfungen, sondern ganze Studienjahre kaufen. Manchmal geht die Korruption auch in die umgekehrte Richtung: Professoren lassen Studierende so lange durchfallen, bis sie zahlen. Zuweilen sind auch Politiker ins "Hochschulgeschäft" involviert. Djukanovic ist etwa an der Privatuniversität von Donja Gorica beteiligt.

In Serbien steht die "Universität Megatrend" der herrschenden politischen Klasse nahe. Dort hat etwa Innenminister Nebojsa Stefanovic sein Doktorat gemacht. Drei Wissenschafter bezichtigten ihn im Vorjahr, dieses zum großen Teil abgeschrieben zu haben. Stefanovic passierte nichts.

Nur der Rektor der Megatrend und Doktorvater von Stefanovic, Mica Jovanovic, musste zurücktreten. Ihm wurde nachgewiesen, dass er den von ihm angegeben Doktortitel der London School of Economics niemals verliehen bekommen hat. Ehrendoktor der Megatrend war übrigens Muammar Gaddafi. Den Lehrstuhl für "Kosmologie" haben die beiden Franzosen Grichka Bogdanoff und Igor Bogdanoff inne, deren Arbeiten immer wieder angezweifelt werden.

Todesdrohungen gegen Rektor

Im Kosovo war das Hochschulwesen jüngst Anlass für brutale Auseinandersetzungen. Die Forderung von Kriegsveteranen, dass ihre Kinder ohne Aufnahmeprüfung an Unis aufgenommen werden sollen, sorgte für Aufruhr. Als Ramadan Zejnullahu, der Rektor der Universität Prishtina, sich weigerte, bekam er Todesdrohungen von einem Ex-Mitglied der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK.

Streit gibt es auch rund um die Akkreditierungsagentur KAA. Der Direktor des College Ispe, Avni Mazrreku, wirft ihr "extrem diskriminierende Aktionen" und "Erpressung" vor. Der Grund: Ein Masterlehrgang der Ispe zu Sicherheitsstudien wurde wegen Mängeln nicht akkreditiert. Die Direktorin der KAA, Furtuna Mehmeti, meint, Ispe wolle die "professionelle und unabhängige Arbeit der KAA beschädigen".

Christian Geosits von der Austrian Development Agency (ADA) in Prishtina arbeitet seit Jahren daran, Hochschulstandards zu etablieren. "Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Österreich im Kosovo eine Schlüsselrolle im Bildungssektor spielt. Unsere Budgets sind nicht hoch, doch was man in Zahlen nicht berechnen kann, ist das Engagement hinter den Kulissen", so Geosits. "Die ADA stärkt durch Know-how die Kontrollinstanzen. So verhindern wir aktiv Korruption." (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, DER STANDARD, 17.4.2015)

  • "Toma Diploma" - Serbiens Präsident Nikolic ist Schirmherr der Europäischen Akademie der Wissenschaften.
    foto: marko djurica

    "Toma Diploma" - Serbiens Präsident Nikolic ist Schirmherr der Europäischen Akademie der Wissenschaften.

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