Neues von Adrian Sherwood und Charles Llyod

17. April 2015, 10:28
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Der britische Produzent Adrian Sherwood blickt zurück, Saxofonist Charles Llyod improvisiert sich durch seine eigene Suite

cover: on u
Sherwood at the Controls (On U / Rough Trade)

Sherwood At The Controls - Volume 1: 1979-1984 (Various Artists)

Wenn Künstler Rückschau halten, wird daraus oft geschlossen, dass die Zukunft für sie nicht mehr viel bereithält. Adrian Maxwell Sherwood ist frei von diesem Verdacht. Aber mit Mitte 50 und einer Karriere, die Ende der 1970er-Jahre begonnen hat, darf er einmal kurz ins Familienalbum blicken, um langsam verblassende Erinnerungen wieder scharfzustellen. Das macht der britische Produzent auf dem Sampler Sherwood at the Controls - Volume 1: 1979-1984.

Sherwood ist ein Grenzgänger, der vom Punk die Haltung und vom Dub den Herzschlag in sich trägt. Als Mann hinter den Aufnahmereglern hat er mit Depeche Mode, den Einstürzenden Neubauten, Bim Sherman, Mark Stewart and the Maffia, Coldcut, Lee "Scratch" Perry, Cabaret Voltaire, Dub Syndicate, The Slits, Little Axe, Ari Up, seinem Freund und Mentor Prince Far I, den New Age Steppers oder mit Tackhead gearbeitet und dabei im Grenzgebiet von Lärm, Tradition und Experiment Duftnoten und Meilensteine gesetzt. So darf man seinen Remix von Stranger Than Love für Mark Stewart & the Maffia straffrei als Vorwegnahme dessen bezeichnen, was Jahre später als Trip-Hop bekannt wurde.

Seine Liebe zum Dub und dessen Vielfalt durchzieht die Sammlung früher Arbeiten bis 1984. In Thatchers kaltem England durchbrach das linksdrehende Weißbrot Sherwood Rassen- und Genregrenzen und definierte musikalisches Neuland. Hier sind allesamt grandiose Arbeiten für so verschiedene Musiker und Bands wie The Fall, Mark Stewart, The Slits, Prince Far I, African Head Charge und andere versammelt. Keine dünnpfiffigen Handlangerarbeiten, sondern abenteuerliche Produktionen von fett über derb bis subtil, die in jedem einzelnen Beitrag meisterlich ausfallen. (flu)

cover: blue note
Wild Man Dance (Blue Note / Universal)

Charles Lloyd - Wild Man Dance

CD-Einspielungen sind als Gemälde definierbar, an denen es ewig zu feilen gilt, bis jede Note ihren sinnvoll-magischen Platz gefunden hat und jede überflüssige Wendung hinauskomplimentiert wurde. Die andere Seite der CD-Reizes ist das Dokumentarische: Es gibt Künstler, bei denen ist das Festhalten von Momenten substanziell, da sie jederzeit für Besonderes gut sind. Und ohnedies ist im Jazz der Liveaugenblick jener, der - per Selbstdefinition des Genres - die Möglichkeit bieten soll, das Besondere zu schaffen.

Der Jazzmusiker - so sehr auch das kompositorische Element wichtig ist - verdankt einen Teil seiner Aura und Reputation seinem Talent, in Echtzeit Magie (nicht unbedingt Neues, Ungehörtes) zu versprühen. Saxofonist Charles Lloyd ist so jemand an der Steckdose der Magie: Sein Potenzial entfaltet sich in der Echtzeitkommunikation am besten; seine Konzerte festzuhalten macht also Sinn, bei Wild Man Dance war dies der Fall. Es wird dabei Lloyd gleichnamige Suite umgesetzt, die für das Jazztopad-Festival in Wroclaw geschrieben und dort auch aufgeführt wurde. Mit dabei sind Gerald Clayton am Piano, Gerald Cleaver am Schlagzeug und Joe Sanders am Bass. Zusätzlich, und das ergibt ein etwas abgewandeltes reizvolles Klangbild, sind der griechische Lyra-Spieler Sokratis Sinopoulos und der ungarische Cymbalon-Virtuose Miklós Lukács zugegen. Lloyd (1938 in Memphis, Tennessee, geboren) ist auch da wieder ein großer Stilist in der Nachfolge von John Coltrane. Auf epische Breite angelegte Improvisationen dominieren, ein lakonisches Fließen, und Lloyds Poesie entfaltet eine Art introvertierte Intensität, die sein Spiel so rafffiniert und im Detail so überraschend unberechenbar erscheinen lässt. Musik, die viel Zeit hat, allerlei zarte wie wilde Gestalten anzunehmen. (tos, Rondo, DER STANDARD, 17.4.2015)

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