Konsum treibt Wirtschaft in Deutschland an

16. April 2015, 11:18
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Wirtschaftsforscher sagen Rekordbeschäftigung und steigende Löhne voraus. Heuer soll ein Wachstum von 2,1 Prozent stehen

Berlin - Ein boomender Konsum, Rekordbeschäftigung und steigende Löhne: Die führenden Wirtschaftsforscher prophezeien Deutschland einen kräftigen Aufschwung. Sie haben ihre Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr von 1,2 auf 2,1 Prozent nach oben geschraubt, wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten Frühjahrsgutachten für die deutsche Regierung hervorgeht.

"Der niedrige Ölpreis lässt den Deutschen mehr Geld für den Konsum, der niedrige Euro schiebt die Exporte an", erklärte Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Ifo-Instituts. 2016 soll das Plus mit 1,8 Prozent ähnlich kräftig ausfallen.

Die Institute sind damit optimistischer als etwa der Internationale Währungsfonds (IWF), der in diesem Jahr mit einem Anziehen der Konjunktur von 1,6 Prozent rechnet, während die deutsche Regierung bisher nur 1,5 Prozent erwartet. Letztere dürfte aber ihre Prognose kommende Woche ebenfalls anheben, dient doch das Frühjahrsgutachten als Grundlage dafür.

Rückgang bei geringfügiger Beschäftigung

Als Stütze der Konjunktur sehen die Experten vor allem den privaten Konsum. "Er profitiert vom Ölpreisverfall, der die Kaufkraft der Verbraucher stärkt", hieß es. In diesem Jahr dürfte die Inflationsrate bei lediglich 0,5 Prozent liegen, bedingt vor allem durch niedrigere Ölpreise. Im kommenden Jahr müssen sich die Deutschen auf wieder stärker steigende Preise einstellen: Sie sollen dann um 1,3 Prozent zulegen.

"Zudem wird der Konsum von steigenden Löhnen in Folge der guten Arbeitsmarktlage angeregt", ergänzten die Forscher. Die Zahl der Erwerbstätigen soll in diesem Jahr erstmals über der Marke von 43 Millionen liegen, die Arbeitslosenquote bis 2016 auf 5,9 (2014: 6,7) Prozent sinken. "Die Einführung des allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns führt allerdings zu Rückgängen bei der geringfügigen Beschäftigung", sagen die Institute voraus.

Exportüberschuss soll weiter steigen

Positive Impulse werden auch von den Exporten erwartet. "Die Weltwirtschaft dürfte sich im Verlauf dieses Jahres zunächst weiter beleben", erwarten die Gutachter. "Die Abwertung des Euro wird die Konjunktur dabei weiter beleben." Sie macht deutsche Waren in wichtigen Märkten wie den USA und China billiger und verteuert zugleich Konkurrenzprodukte aus Übersee auf dem Heimatmarkt.

Die Folge: Der Überschuss in der Leistungsbilanz dürfte in diesem Jahr auf den Rekordwert von 256 Mrd. Euro klettern - das sind 8,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. 2016 sollen es sogar 266 Mrd. Euro sein. Die Exportüberschüsse werden von den USA und der EU-Kommission immer wieder kritisiert, weil zu starke Ungleichgewichte die Stabilität des Wirtschaftssystems gefährden.

Das Frühjahrsgutachten erstellen vier Forschungsinstitute. Dazu gehören das Berliner DIW, das Münchner Ifo-Institut, das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen und das IWH aus Halle.

Warnung vor EZB-Kurs

Die Institute warnen auch vor Risiken des lockeren EZB-Kurses. "Es ist nicht auszuschließen, dass es bei anhaltend expansiver Geldpolitik zu Blasen auf den Aktienmärkten kommt", schreiben die Forscher in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Frühjahrsgutachten. Ein Platzen hätte negative Konsequenzen für die Konjunktur. "Auch auf anderen Vermögensmärkten, etwa für Immobilien, besteht dieses Risiko." Die Europäische Zentralbank (EZB) pumpt derzeit über den Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren monatlich rund 60 Milliarden Euro in die Finanzmärkte, um für mehr Inflation und Wirtschaftswachstum zu sorgen.

Grundsätzlich sehen die Ökonomen Staatsanleihekäufe durch die Zentralbank als geeignetes Mittel, um Gefahren eines konjunkturschädlichen Preisverfalls auf breiter Front (Deflation) entgegenzuwirken. Die Forscher betonen aber auch: "Der Kauf von Staatsanleihen durch das Eurosystem ist mit erheblichen Risiken für die Finanzstabilität und für die Stabilität der öffentlichen Finanzen im Euroraum verbunden."

Zudem mahnen die Institute, dass die EZB mit ihren groß angelegten Käufen in ein Dilemma geraten könnte. "Mit dem Programm verhindert sie letztlich, dass die Kapitalmärkte mit höheren Renditen auf zunehmende öffentliche Verschuldung in Mitgliedsstaaten der Währungsunion reagieren. Dies schaffe Fehlanreize, da Staaten ihre Verschuldung wegen der niedrigen Zinsausgaben weiter erhöhen könnten. (APA, 16.4.2015)

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