Schulexpertin: Generell zwei Stunden mehr Unterricht wäre "fatal und ungerecht"

16. April 2015, 13:33
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Fächer haben unterschiedlichen Arbeitsaufwand – Lehrergewerkschaften antworten nach Häupls 22-Stunden-Sager: "So nicht!"

Wien – "So nicht!" Mit diesem Slogan wehren sich die fünf Lehrergewerkschaften in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) nun mit einem am Donnerstag auch an Medien verschickten Plakat gegen den Sager des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl (SPÖ). Dieser hat die Debatte um eine Erhöhung der Lehrverpflichtung um zwei Wochenstunden mit dem Satz "Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig" kommentiert.

Dem halten die Vorsitzenden der Teilgewerkschaften der Lehrerinnen und Lehrer an Pflicht-, Landwirtschafts- und Berufsschulen sowie an AHS und BMHS entgegen: "Gut, dass in unseren Schulen Lehrerinnen und Lehrer unterrichten – und nicht der Wiener Bürgermeister!".

Kritik an Häupls 22-Stunden-Sager hatte übrigens auch seine Parteikollegin, die frühere Nationalratsabgeordnete und Chefin der SP-Frauen in Oberösterreich, Sonja Ablinger, geübt - via Twitter berichtete sie aus ihrem Alltag als Lehrerin an einer Neuen Mittelschule in Linz.

Doch nicht nur bei den Lehrerinnen und Lehrern kommt die wieder aufgeflammte Diskussion um eine Erhöhung der Lehrverpflichtung um zwei Stunden pro Woche nicht gut an. Auch Expertinnen kritisieren nicht nur den Ton der Debatte, sondern auch die inhaltliche Fokussierung auf zwei Stunden mehr Unterricht für alle Lehrerinnen und Lehrer.

"Wir sind nicht abgerückt von diesem Ziel", hatte Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), sekundiert von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP), am Dienstag nach dem Ministerrat gesagt: "Wir sind der Meinung, dass die Lehrer mehr Zeit in den Klassen verbringen sollten."

Signal, dass Lehrkräfte zu wenig arbeiten

Das aber wäre "wirklich fatal und auch ungerecht", warnt Bildungsexpertin Heidi Schrodt im STANDARD-Gespräch. Als langjährige Direktorin der AHS Rahlgasse in Wien kennt sie die Stundenproblematik sehr genau und ist "ziemlich entsetzt" über diese Debatte, "denn es wird signalisiert, dass die Lehrerinnen und Lehrer zu wenig arbeiten".

Das sei eine plakative und ungerechtfertigte Aussage, kritisiert Schrodt, die auch Vorsitzende der Initiative "Bildung grenzenlos" ist: "Wenn man jetzt alle Lehrerinnen und Lehrern zu zwei zusätzlichen Stunden verdonnert, dann ist das unmöglich und vor allem auch ungerecht, weil der Arbeitsaufwand je nach Fach natürlich ungleich verteilt ist. Eine Englischlehrerin und ein Turnlehrer beispielsweise kommen niemals auf die gleiche Arbeitszeit. Das muss man mitbedenken."

Unterschiedliche Fächer unterschiedlich belastend

Unterschiedliche Fächer bedeuteten "unterschiedliche Belastungen und unterschiedlichen Arbeitsaufwand", betont Schrodt. Wen also würde, sollte sie wirklich kommen, eine generelle Erhöhung der Lehrverpflichtung um zwei Stunden besonders hart treffen? Vor allem Lehrerinnen und Lehrer, die die korrekturintensiven Fächer Deutsch und Fremdsprachen unterrichten, und da vor allem in der Oberstufe, sagt Schrodt. Diese seien schon jetzt durch die neue Zentralmatura besonders belastet. Auch Mathematik und Latein nennt Heidi Schrodt als Beispiele für Fächer, die "am meisten belastet würden".

Dieses Problem, das schulintern natürlich auch immer wieder ein Thema sei, sei auch mit dem neuen Lehrerdienstrecht, in dem eine höhere Lehrverpflichtung verankert ist, "nicht gescheit gelöst worden". (siehe WISSEN in der Infobox unten)

Schlicht ungerecht und sachlich nicht angemessen wäre eine Unterrichtszeiterhöhung auch für jene Lehrerinnen und Lehrer, "die zum Beispiel in einer Neuen Mittelschule in einem schwierigen städtischen Gebiet sehr viel mehr belastet sind als etwa in einem Gymnasium in einem Bundesland", sagt Schrodt.

Deutsch, Chorgesang, Kochen, Lackieren

Auch AHS-Lehrergewerkschaftsvorsitzender Eckehard Quin (FCG) betont im STANDARD-Gespräch: "Es ist natürlich etwas anderes, ob jemand eine unverbindliche Übung Chorgesang unterrichtet oder das Maturafach Deutsch." Daher gebe es im Bundeslehrerbereich, also in AHS und BMHS, unterschiedliche "Lehrverpflichtungsgruppen", mit denen der Unterschiedlichkeit der einzelnen Fächer durch eine unterschiedliche Gewichtung Rechnung getragen werden soll.

"Eine Deutschstunde ist anderswertig als eine Stunde Bewegung und Sport. Ein Deutschlehrer unterrichtet also auch weniger als ein Turnlehrer." Es gibt neun dieser Fächergruppen (sechs Übergruppen und drei Untergruppen) mit insgesamt 717 aufgelisteten Unterrichtsgegenständen. Im Bundeslehrer-Lehrverpflichtungsgesetz heißt es dazu: "Die Unterrichtsstunden in den einzelnen Unterrichtsgegenständen sind auf die Lehrverpflichtung mit folgenden Werteinheiten je Wochenstunde anzurechnen."

Neun Lehrverpflichtungsgruppen

In die Lehrverpflichtungsgruppe I etwa, die mit dem Faktor 1,167 gewichtet ist, fallen ganze 243 Fächer, von A wie Allgemeines chemisch-technologisches Praktikum an höheren Lehranstalten für Biochemie und Schädlingsbekämpfung über Deutsch und Latein bis zu W wie Werkzeug- und Maschinenkunde an höheren Lehranstalten für Möbelbau (Möbelbau und Innenausbau).

In Gruppe II findet sich zum Beispiel auch das Fach "Dekomposition und Warenkunde an höheren Lehranstalten für Weberei und Spinnerei" (Werteinheit), Geografie und Geschichte sind in Gruppe III (1,05 Werteinheiten), Lehrverpflichtungsgruppe IV kümmert sich unter anderem um "Akt an Meisterschulen für Bildhauerei und für Malerei" (0,13 bis 0,77 Werteinheiten), in Gruppe V findet sich zum Beispiel "Schreiben einschließlich Linkshandschreiben" an der Bundesfachschule für Technik" aber auch das Fach "Anstandslehre an Bundesförsterschulen" (0,875 bis 0,825 Werteinheiten).

Lehrverpflichtungsgruppe VI hat einen Werteinheitsfaktor von 0,75 und enthält neun Fächer von "Anstrich und Lackierung an Meisterschulen für das Malerhandwerk" über "Kochen an Familienhelferinnenschulen" bis hin zu "Nähen, Materialienkunde und Werken (ausgenommen Materialienkunde) an Hauswirtschaftsschulen".

Internationaler Arbeitszeitvergleich hinkt

Heidi Schrodt weist auch noch auf ein gern gebrachtes Argument hin, das sie für falsch hält: Internationale Vergleichszahlen, die für Österreich im Schnitt etwas weniger Unterrichtsstunden, die die Lehrerinnen und Lehrer in der Klasse abhalten, ausweisen, "hinken total", betont sie, "weil fast alle anderen Länder Supportpersonal in den Schulen haben. Da sind wir extrem schlecht ausgestattet", sagt Bildungsexpertin Schrodt: "Unsere Lehrerinnen und Lehrer machen zusätzlich zum Unterricht auch noch Tätigkeiten, die enorm belastend sind oder für die sie auch gar nicht ausgebildet sind. Da sind die Arbeitsplätze in den österreichischen Schulen einfach schlecht."

Während es in Skandinavien selbstverständlich sei, sich im Team mit Sozialarbeitern oder Sprachförderlehrkräften zusammenzusetzen und wöchentlich Unterrichtspläne und Strategien zu überlegen: "Wir haben all das nicht, darum kann man diese internationalen Unterrichtskennzahlen nicht seriös als Vergleich heranziehen".

Über und unter dem OECD-Schnitt

Eine Erhöhung der Lehrverpflichtung um zwei Stunden würde über alle Lehrergruppen gerechnet Österreich in etwa auf den Schnitt der OECD-Staaten bringen. Das zeigt der im Vorjahr veröffentlichte jüngste OECD-Vergleich "Bildung auf einen Blick 2014". Allerdings: Volksschullehrer (779 Netto-Stunden) unterrichten schon jetzt so lang wie im OECD-Schnitt (782 Stunden) und würden nach einer Erhöhung weit darüber liegen. Berechnet wird diese Zahl so: Die Lehrverpflichtung von 22 Wochenstunden (zu je 50 Minuten) wird auf 60-Minuten-Einheiten umgelegt und zusammen mit der Pausenaufsicht auf eine wöchentliche Unterrichtszeit umgerechnet, dann auf einen Tag heruntergebrochen und mit der Zahl der Unterrichtstage pro Jahr (180) multipliziert.

Eine Erhöhung der Unterrichtspflicht für Volksschulen um zwei Schulstunden pro Woche würde die Netto-Unterrichtszeit nach den OECD-Vorgaben auf 846 Stunden pushen, was schon recht weit über dem OECD-Mittelwert liegt. International wird jedoch die in der OECD verglichene Unterrichtszeit mit verschiedenen Methoden berechnet und berichtet. Das erschwert den Ländervergleich.

Ganz anders im Bereich der Sekundarstufe I (AHS-Unterstufe/Hauptschule/Neue Mittelschule): Hier liegt Österreich aktuell bei einer Netto-Unterrichtszeit von 607 Stunden – das ist weit unter dem OECD-Schnitt von 694 Stunden. Auch mit zwei Stunden mehr käme man erst auf 666 Stunden.

Im Bereich der AHS-Oberstufe kommen die österreichischen Lehrer auf einen Wert von 589 Stunden. Das ist unter dem OECD-Schnitt von 655 Stunden – ein zweistündiges Lehrverpflichtungs-Plus würde diesen Wert auf 648 und damit praktisch auf den OECD-Schnitt erhöhen.

Mehrarbeit für Budgetloch

Grundsätzlich kritisiert Schrodt den eigentlichen Motor für die neuerliche Debatte um eine Lehrverpflichtung, "weil es so offensichtlich darum geht, eine Budgetlücke zu stopfen, indem einfach die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer erhöht wird. Der ganze Plan ist so durchsichtig und besonders ärgerlich, weil überhaupt kein Versuch einer Verwaltungsreform gemacht wurde, um Geld einzusparen. Dabei hätte eine ordentliche Reform der Schulverwaltung wohl mindestens den Betrag hereingebracht, der jetzt benötigt wird."

Auch Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Universität Wien zeigte sich im Ö1-"Morgenjournal" "überhaupt nicht glücklich" mit dieser "sinnlosen Diskussion" um die Lehrverpflichtung. Heimische Lehrerinnen und Lehrer würde unheimlich viele Aufgaben erledigen, aber eigentlich nur am Unterricht gemessen werden. Es zähle vor allem die Anwesenheit im Klassenzimmer. Stattdessen müssten auch Karriereperspektiven für die Lehrkräfte entwickelt werden, die auch die Weiterentwicklung der Schulen mitbedenken.

Jahresarbeitszeitmodell fehlt

Auch Spiel hält das neue Lehrerdienstrecht für "reformbedürftig" und plädiert für ein Jahresarbeitszeitmodell mit Zeitfenstern für Stunden in der Klasse und sonstigen Aufgaben in der Schule: "Und je nachdem, welche Aufgaben man sonst übernimmt, desto weniger unterrichtet man dann."

Der Grund für die aktuelle Lehrerarbeitszeitdebatte lautet: Budgetnot. Konkret fehlen im Bildungsministerium von Ressortchefin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) heuer 340 Millionen Euro. 2016 würde es auf 548 Millionen Euro anwachsen, im Jahr darauf wird die Lücke derzeit mit 578 Millionen Euro prognostiziert, sagt AHS-Lehrergewerkschaftschef Eckehard Quin (FCG) zum STANDARD. Wenn mehr als 90 Prozent des Bildungsbudgets in Personalkosten fließen, "kann man nur im Personalbereich einsparen" – es sei denn, das Bildungsbudget wird aufgestockt. Das hat zumindest ÖGB-Präsident Erich Foglar (SPÖ) gefordert.

Gehrers Stundenstreichung

2003 war es die damalige Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP), die Geld auftreiben musste. Sie setzte auf eine Kürzung der Stundentafel, konkret eine Reduktion der Unterrichtsstunden um ein bis zwei Wochenstunden für Hauptschulen sowie den mittleren und höheren Schulen. Diese Maßnahme firmierte unter "Wochenstundenentlastungs- und Rechtsbereinigungsverordnung" und wurde von Gehrer mit den Worten angekündigt: "Niemand möge sich fürchten!"

Damals wurde die Zahl der Pflichtwochenstunden – jeweils über vier Jahre gerechnet – in der Volksschule von 92 auf 90, in der Hauptschule von 127 auf 120, in der AHS-Unterstufe von 126 auf 120 und in der AHS-Oberstufe von 138 auf 130 gesenkt.

Und Gehrer sagte auch ganz offen, mit der Stundenreduktion würde man die Personalkosten für die Bundeslehrer (AHS und BMHS) "etwas, ein kleines bisschen, in den Griff bekommen". Auf die Zahl der Landeslehrer (Volks-, Haupt-, Sonder- und Polytechnische Schule) hatte die verkürzte Stundentafel keinen Einfluss, da dort der Dienstpostenanteil durch den geltenden Finanzausgleich vorgegeben war.

Zulagen könnten nicht mehr viele gekürzt werden, sagt AHS-Gewerkschafter Quin: "Da gibt es nicht mehr viel, seit 2009 viele gestrichen oder reduziert wurden."

Bleiben noch die Überstunden, aber auch da betrage der Überstundenzuschlag für Lehrerinnen und Lehrer schon jetzt nur noch 13 Prozent: "Sie können natürlich sagen: Wir bezahlen Überstunden nicht – und genau das bedeutet eine höhere Lehrverpflichtung ja", sagt Quin.

Als letzte Maßnahme bliebe der Regierung dann eben noch, dass einfach weniger Personal, also weniger Lehrerinnen und Lehrer beschäftigt werde, "damit sie das Geld hereinbringen, das sie brauchen". (Lisa Nimmervoll, Grafik: Michael Bauer, derStandard.at, 16.4.2015)

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Wie viel die einzelnen Unterrichtsfächer "wert" sind


Wissen: Unterricht und Lehrerarbeit

Derzeit haben Bundeslehrer (AHS, BMHS) grundsätzlich eine Lehrverpflichtung von 20 Stunden pro Woche, wobei aber etwa Schularbeitsfächer höher bewertet werden und de facto zu einer niedrigeren Stundenbelastung führen, Fächer wie Turnen oder Musikerziehung zu einer höheren. Die Bandbreite reicht von circa 18 bis im Extremfall 24 Stunden. Tätigkeiten wie Vorbereitung, Korrekturarbeiten, Fortbildung werden nicht näher geregelt und sind quasi inkludiert.

Im Dienstrecht der Pflichtschullehrer ist derzeit eine Jahresarbeitszeit von knapp 1.800 Stunden vorgegeben, die sich zahlenmäßig auf drei Töpfe (Unterricht, Vor-/Nachbereitung, Sonstiges) verteilen. Das entspricht "umgerechnet" auf Wochenunterrichtsstunden 20 bis 22 Stunden.

Das für beide Lehrergruppen geltende, 2013 beschlossene und erst ab 2019 verpflichtende neue Lehrerdienstrecht bringt zwar eine Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung auf grundsätzlich 24 Stunden – gleichzeitig aber auch eine Erhöhung der Anfangsgehälter (bei späterer Abflachung der Gehaltskurve) und so budgettechnisch kurzfristig keine dringend gesuchten Einsparungen.

Außerdem gibt es zahlreiche Ausnahmen: Klassenvorstände (und damit praktisch alle Volksschullehrer), Mentoren beziehungsweise Kustoden und Beratungslehrer können sich insgesamt bis zu zwei Stunden sparen, müssen also nur 22 Stunden unterrichten. Lehrer der Sekundarstufe 2 (vor allem AHS-Oberstufe, BMHS), die Schularbeitsfächer unterrichten, müssen ebenfalls um bis zu zwei Stunden kürzer unterrichten. (nim, APA)

  • Das "So nicht!"-Plakat der GÖD reagiert auf den Wiener Bürgermeister, der sich nicht entschuldigen will.
    foto: göd

    Das "So nicht!"-Plakat der GÖD reagiert auf den Wiener Bürgermeister, der sich nicht entschuldigen will.

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